Bücher, Romane
Kommentare 5

Die Liebe als Leitstern in dunkelsten Zeiten.

Wo du nicht bist, Anke Gebert

Manchmal hat man das Gefühl, man müsse unbedingt sofort etwas tun. Genau so geht es mir gerade, nachdem ich vor nicht einmal fünf Minuten WO DU NICHT BIST zugeklappt habe. Ich möchte alles rausschreiben, was mir im Kopf herumgeht. Das, was mich beeindruckt hat an diesem Roman nach einer wahren Begebenheit. Die Faszination, mit der ich von der ersten Seite an ein anderes, echtes Leben verfolgt habe: 1929 in Berlin, als die KaDeWe-Verkäuferin Irma sich nach jahrelanger Armut und Tristesse in den angesehenen jüdischen Arzt Erich verliebt. Das leichte Gefühl, das ich kurz mit ihr teile, als in Erichs Wohnung am Kurfürstendamm 141 die Verlobung verkündet wird, mit Freunden am Tisch und Flügel in der guten Stube und silbernem Besteck.

Doch je weiter ich mich vorwage in dieses Leben, desto mehr wird aus einer hoffnungsvollen Beziehung eine verzweifelte Liebe, erst wenig subtil und dann ganz brutal vom Judenhass gezeichnet. Eine Entwicklung, die Irma und Erich nicht so richtig verstehen wollen, weil sie zu abwegig erscheint, insbesondere für den gebildeten Mediziner, der aus voller Inbrunst an eine allumfassende Menschlichkeit und an Anstand glaubt.

Wahre Geschichte einer Liebe im nationalsozialistischen Berlin.

Was erst nicht mehr zum guten Ton passt, wird zunehmend zum Damoklesschwert, und die lang ersehnte Eheschließung am 16. September 1935 kommt gar nicht mehr zustande. Auf dem Standesamt in Charlottenburg jagt man das Paar weg, denn einen Tag zuvor erlässt Hitler die Nürnberger Gesetze. Unter anderem gehört dazu das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, das Beziehungen und Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden unter Strafe stellt.

Wo du nicht bist, Anke Gebert

Hoffnung stirbt langsam, Liebe nie.

Nur eine hält am Glauben fest, dass wahre Liebe rechtens und unsterblich ist: Irma, die ihren Erich heiraten will, auch als die Menschlichkeit und bald Berlin schon längst in Trümmern liegen. Auch dann noch, als Erich nach Theresienstadt und später nach Auschwitz-Birkenau deportiert wird. Das Konzentrationslager Ghetto Theresienstadt, über das die Nazis einen Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ drehen ließen, um Europa eine heile Welt mit Fußballspielen, Kindergärten und Cafés vorzugaukeln. Der dort inhaftierte Film-Regisseur Kurt Gerron sowie fast alle ebenfalls unfreiwilligen Darsteller wurden 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Auch Dr. med. Erich Bragenheim schafft es nicht zurück zu seiner Verlobten Irmgard Wegmüller, die nach Kriegsende mehrere Anwälte aufsucht, um ihre große Liebe posthum zu heiraten. Und die über sieben Jahre in einer bitterharten Nachkriegszeit nicht lockerlässt, bis der Senator für Justiz 1952 ihrem Antrag stattgibt und die Ehe für geschlossen erklärt.

Ich möchte kurz rausschreiben, wie beeindruckt ich bin, auch von dem Nicht-Beschönigenden der Autorin und von einer Irma, die nicht nach Romantik kramt, sondern nach Gerechtigkeit, Schnaps und Zigaretten. Man möchte die Uhr zurückdrehen für Irma und Erich und kann nicht.

„Dein ist mein ganzes Herz! Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.“
(Aus der Arie „Dein ist mein ganzes Herz“, von Löhner-Beda/Herzer/Lehár)

Ein Roman darüber, dass Liebe eine Entscheidung ist, die man immer treffen kann.

Es sollte mehr Geschichten wie Anke Geberts WO DU NICHT BIST geben, die nach Jahrzehnten aus alten Koffern hervorholt werden – schon alleine, damit sie sich nie wieder häufen. Anke Gebert hat dank der Familie von Irma einen solchen Koffer öffnen dürfen, und der Pendragon-Verlag hat die Relevanz seines Inhaltes erkannt. Danke dafür. Unbedingt lesen.

Anke Gebert schreibt Drehbücher, Krimis, Romane und erzählende Sachbücher, unterrichtet Kreatives Schreiben und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Titel: Wo du nicht bist
Autor: Anke Gebert
Gebundene Ausgabe: 296 Seiten
Verlag: Pendragon
Auflage: 19. Februar 2020

Transparenz: Meine Ausgabe ist ein Rezensionsexemplar.
Lieben Dank an den Verlag für die freundliche Bereitstellung.

Der Link zum Buch ist ein Affiliate Link, der mich mit einer kleinen Provision an Buchverkäufen beteiligt, die über diesen Blog getätigt werden. Der Buchpreis bleibt genauso unangetastet wie meine Meinung. Mit deinem Einkauf bei genialokal.de unterstützt du zudem den stationären Buchhandel.

TEILEN MIT:

5 Kommentare

    • Ja, bestimmt, und wie schön, dass du meinen Blog liest! Die Tage kommt noch ein ganz tolles Buch:-) Liebe Grüße, Nina

  1. Paul Vogel sagt

    Ich musste das Buch nach Erhalt sofort in einem Stück durchlesen. Die o.a. Rezension kann ich in jeglicher Hinsicht bestätigen. Ein ergreifendes Buch, das man unbedingt gelesen haben muss!

  2. Gaby Helbig sagt

    Am Dienstag 17.3.20 20-21 Uhr ist Anke Gebert live mit ihrem neuen Buch bei mir in meiner Radiosendung, tideradio „Jazzmaniac“, dann 1 Woche in der Audiothek.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.