Alle Artikel mit dem Schlagwort: Belletristik

Nachttiger, Yangsze Choo

Juwel in Buchform.

Wer mich näher kennt, der weiß, dass „zu Tränen gerührt“ nicht gerade zu meinen Top-Drei-Allgemeinzuständen gehört. Trotzdem habe ich mir eben tief beeindruckt diesen bildschönen Fünfhundertseiten-Schinken ans Herz gedrückt. Wow, wie toll war das denn bitteschön. Nachttiger ist das zweite Buch der Malaysierin Yangsze Choo und das erste, das von ihr auf Deutsch verlegt wurde. Streckenweise liest es sich fast wie ein poetischer Thriller. Oder ein exotisches Märchen. Oder auch mal der reinste Liebesroman. Dieser ungewöhnliche Mix ist es auch, der mich total geflasht und betört hat. Abgesehen davon lese ich gerne Geschichten über ein Stück Geschichte, und wenn sie recht subtil daherkommt.   Britisch-Malaya in den Dreißigerjahren: Der chinesische Houseboy Ren setzt alles daran, um den amputierten Finger seines verstorbenen britischen Herrn zu finden. Denn eine Seele kann nur dann Ruhe finden, wenn alle Körperteile im Tode vereint sind. Genau neunundvierzig Tage hat der elfjährige Ren Zeit, um seine Mission zu erfüllen – so lange, wie Seelen sich noch auf Wanderschaft befinden. Glücklicherweise ergattert der Junge eine neue Arbeitsstelle bei Dr. William Acton, welcher …

Blood Orange, Harriet Tyce

Faszination des Fiesen.

Ich stehe in einem Pub irgendwo in London, und neben mir säuft sich eine Businessfrau gerade ihre Würde weg. Ihr Lidstrich ist verschmiert, ihr Rock unanständig hochgerutscht und ihre Sinne sind so vollkommen benebelt, dass sie wahrscheinlich gleich Sex auf dem Klo haben wird. Stop, nein, ich sitze zu Hause am Esstisch und schreibe beim Kaffee diesen Text. Aber so ungefähr fühlt es sich an, Blood Orange von Harriet Tyce zu lesen. Die oben erwähnte Frau könnte die Anwältin Alison Price sein, die im Roman gerade ihren ersten Mordfall bearbeitet. Wie immer stürzt sie sich in ihren Job und lässt dabei ein paar persönliche Angelegenheiten grob fahrlässig aus dem Ruder laufen. Beispielsweise ihre Rolle als Ehefrau und Mutter, die sie fortwährend mit Alkohol, impulsiven Exzessen und einem Verhältnis mit ihrem kaltherzigen Arbeitskollegen sabotiert. Ihr dabei zuzusehen, tut ein bisschen weh. Aber es ist auch zu spannend, um den Krimi wegzulegen. Sauber gestrickte Demontage. Da die Autorin selbst rund zehn Jahre Prozessanwältin war, bringt der Mordfall die nötige Vielschichtigkeit mit, um spannend zu bleiben: Mandantin Madeleine …

Letzte Rettung: Paris, Patrick deWitt

C’est la fucking vie.

Letztens war ich in New York, nur um dort festzustellen, dass ich eher der Paris-Typ bin. Mehr Charme. Weniger Banalitäten. Bessere Croissants. Im Roman Letzte Rettung: Paris von Patrick deWitt sind es zwei New Yorker, die nicht ganz freiwillig in die Stadt der Liebe aufbrechen, aber dort so wunderbar hinpassen wie die Mona Lisa ins Louvre: Frances und Malcom Price sind das wohl unterhaltsamste, verzogenste Mutter-Sohn-Duo in New York. Frances, Freigeist in Haute Couture und bissige Konversationspartnerin seit Kindertagen, führt ein Leben im totalen Luxus. Ihre legendäre Schönheit und ein paar Skandale haben sie zu der Art von Stil-Ikone gemacht, die auf keiner wirklich exklusiven Party fehlen darf. Der letzte Skandal war wohl der, ihren unanständig reichen Ehemann nach Tod durch Herzversagen im ehelichen Bett erkalten zu lassen und einfach in ein Luxus-Skiwochenende aufzubrechen. Frances‘ erwachsener Sohn Malcom, ein verschrobener Internatsschnösel ohne Antrieb, leistet seiner Mutter seitdem Gesellschaft – und natürlich der Kater Kleiner Frank, der laut Frances die Reinkarnation ihres toten Ehemannes ist. Leider muss sich das Duo, das das Leben bislang als ewige …

Washington Black, Esi Edugyan

Suche nach Freiheit.

Angst. Die ersten 80 Seiten umtreibt mich schlicht die Angst, denn Grausamkeit und Willkür bestimmen nahezu körperlich spürbar das Leben des elfjährigen Sklavenjungen Washington Black auf Barbados im Jahre 1830. Er ist Feldsklave auf einer Zuckerrohr-Plantage in den britischen Kolonien, wo man immer mehr afrikanische Sklaven unter härtesten Bedingungen heranschafft, um den steigenden Zuckerkonsum der reichen Oberschicht im Britischen Empire zu decken.  Die Plantagenbesitzer haben die Macht über alles und jeden auf der Insel, und nach dem Ableben des alten Masters stellt sich der neue als das personifizierte Böse heraus: Erasmus Wilde, so blass und weiß, dass er fast durchscheinend wirkt und so unglaublich grausam, dass man mit dem Schlimmsten rechnet, sobald er auf den Plan kommt. Wash, wie George Washington Black gerufen wird, ist mittendrin, nur leidlich geschützt von der mütterlichen Sklavin Big Kit. Und so überträgt sich sein Gefühl, jede Sekunde wachsam bleiben zu müssen, und wird erst allmählich erträglicher, als des Masters Bruder die Plantage besucht:  Christopher Wilde, seit Kindertagen Titch genannt, verkörpert als Entdecker und Erfinder den Freigeist eines Alexander von …

Gabrielle Zevin, Das Verhältnis

Eine unendliche Affäre.

Ein intelligenter und teils geradezu witziger Roman über falsche Entscheidungen, Doppelmoral und die Unerbittlichkeit moderner Medien: In Gabrielle Zevins Roman „Das Verhältnis“, beginnt die Praktikantin Aviva ein Verhältnis mit einem signifikant älteren, charismatischen Kongressabgeordneten und wird über Nacht „Floridas Antwort auf Monica Lewinsky.“

Ich, Eleanor Oliphant, Gail Honeyman

Zurück ins Leben.

Eleanor führt ein tristes, klagloses Leben zwischen Bürojob und menschenleeren, Wodka-getränkten Wochenenden. Soziale Umgangsformen sind ihr weitestgehend fremd, und für Äußerlichkeiten hat sie nicht viel übrig – bis die junge Frau eines Tages die Liebe kennenlernt.

Eine Legende auf der Couch.

Das Einzige, was ich jemals bei eBay ersteigert habe, war ein 5er-Posterset der Beatles aus dem Jahre 1967, das ich zufällig in einer Doku gesehen hatte. Die psychedelisch anmutenden Portraits plus Gruppenfoto von Starfotograf Richard Avedon wurden damals als Zugabe zum deutschen Stern produziert. Nun hängen John, Paul, George & Ringo seit Jahren bei uns im Wohnzimmer rum, und trotzdem habe ich mich nie näher mit ihnen beschäftigt. Jemand zu lieben heißt ja auch nicht unbedingt, ein Experte zu sein.  Lennon von David Foenkinos ist mir ebenso zufällig in einem Buchladen begegnet, und ich habe echt keine Ahnung, warum ich es mitgenommen habe. Die Story klang gut, und im Nachhinein bin ich total froh über diese geniale Zufallsbegegnung. Zum Roman: Mit 35 Jahren hatte John Lennon bereits eine sensationelle Karriere hinter sich. 1975 lebte er zurückgezogen mit Frau und Kind in New York und brachte fünf Jahre lang kein neues Album heraus. Der bekennende Lennon-Fan Foenkinos setzt die Beatles-Legende kurzerhand auf die Couch und lässt sie in mehreren fiktiven Therapiesitzungen von 1975-80 über ihr Leben …

Die Schneiderin und der Wind, César Aira

Stürmische Geschichte!

Oha, denke ich am Anfang, ein Vorwort. Ich hasse Vorworte. Vorworte sind sozusagen der Sonntagsbrunch unter den Bucheinstiegen: Man steht wortlos mit seinem schalen Prosecco in der Ecke rum, hört der belanglosen Konversation anderer Mitvierziger zu und fragt sich, wann die Party eigentlich losgeht. Ab Seite zwanzig merke ich, dass das Vorwort gar kein Vorwort war, sondern dass ich schon mittendrin bin in einer wahrhaft irren literarischen Verfolgungsjagd. Die Schneiderin und der Wind von César Aira ist ein auf unter 150 Seiten komprimiertes Werk, das sich liest, als würde man jemandem beim freien Assoziieren zuhören. Größtenteils macht das auch richtig Bock, auch wenn ich des Öfteren schlicht den Faden verliere. Zusammenfassend geht es um eine Schneiderin ohne Geschmack, aber mit viel Sinn fürs Detail, welche die Verfolgung ihres verschwundenen Sohnes aufnimmt, den sie in Patagonien wähnt. Im Gepäck hat sie ein widerspenstiges Brautkleid, und auf dem Weg lernt sie einen Wirbelwind kennen, der ihr bald darauf seine Liebe gesteht.  Mehr zur Handlung zu sagen ist schwierig bis unmöglich. Denn sie ist quasi nur eine Skizze …

Palm Beach, Finland, Antti Tuomainen

Coole Strandlektüre.

Leute, ich hab mir ja Finnland immer dunkel vorgestellt. Dunkle Bäume, dunkles Wasser und in der Weite ein paar dunkle Seelen, die in karierten Flanellhemden mit Fellmützen und trotzigen Gesichtern sehr starken Alkohol trinken. Letztes Jahr im Sommer sind mir in Helsinki dann zwei Dinge klargeworden. 1. Dass ich selten mit irgendetwas so dermaßen falsch gelegen habe. 2. Dass Helsinki so ziemlich das hellste und wunderbarste Fleckchen Erde und Wasser ist, das es gibt. Eigentlich will ich dort tausend Jahre lang in einem Boot sitzen, von einer Insel zur anderen fahren und zwischendurch Lachssuppe am Hafen essen.  Aber vorher sag ich vielleicht noch kurz was zu Antti Tuomainens Roman: Der Investor Jorma Leivo hat eine Schwäche für Baywatch, Miami Vice und alles andere, was mit halbseidenen Sachen und knappen Badeanzügen zu tun hat. Daher tauft er das neu erworbene finnische Kähärä-Urlaubsressort auch kurzerhand in „Palm Beach, Finland“ um. Neonfarben, Plastikpalmen und Surfbretter tun ihr Übriges, und wen kümmert da schon das kleine Detail, dass es am „hottest beach in Finland“ eher konstant kühl bleibt?  Leivo …