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Leider geil!

Serotonin, Michel Houellebecq

Ich glaube Hemingway soll mal gesagt haben, dass er die Welt nicht in gute und schlechte Menschen unterteile, sondern in interessante und uninteressante. Houellebecq ist zweifelsohne einer von den interessanten. Im Zusammenhang mit seinem Roman SEROTONIN wird er sowohl als moderner Prophet gefeiert, als auch als totaler Prolet beschimpft. Ich gehöre zu den Feiernden, denn der Roman fängt derart prägnant den Zustand der ganzen Welt in einem einzigen Menschen ein, dass man sich noch Wochen später fragt, was man da eigentlich Geiles gelesen hat.

Die Geschichte ist die des 46-jährigen Florent-Claude Labrouste, der sich entscheidet, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil alle Gelegenheiten, dasselbe noch einmal herumzureißen, längst verstrichen sind. Ein Arzt, den ich hier mal locker als unkonventionell bezeichnen würde, verschreibt ihm das Antidepressivum Captorix, das zwar jegliches Sexleben komplett ausschaltet, aber dafür sorgt, dass der Patient zumindest am Leben bleibt. Leider liefert die Droge das „Wofür eigentlich?“ nicht auf dem Beipackzettel mit.

„… und da war ich nun, ein abendländischer Mann in mittleren Jahren, der finanziell für einige Jahre vorgesorgt hatte, ohne Angehörige oder Freunde, ohne persönliche Projekte oder echte Interessen, tief enttäuscht von seinem bisherigen Berufsleben, der auf der Gefühlsebene verschiedene Erfahrungen gemacht hatte, denen aber durchweg gemein gewesen war, dass sie irgendwann abgebrochen waren, letztendlich ohne einen Grund zu leben oder einen Grund zu sterben.“

Das Medikament erhöht den Serotoninspiegel im Blut und macht Florents Gegenwart zum gleichgültigen, sprachlich bravourös vorgetragenen Tatsachenbericht. Er beschreibt, wie er sein Leben auflöst, bis dieses allmählich anfängt von selbst zu zerfallen. Anfangs geht es dabei eher um die eigene Wohnungsauflösung oder wie man die aktuelle Partnerin loswird. Diese stellt den krassen, sexuell verderbten Gegenentwurf zum Protagonisten dar, der höchstens noch in der Lage ist, sich gedanklich an der Tanke beim Anblick von attraktiver Laufkundschaft einen runterzuholen.

Rückblenden in Florents Liebesleben fallen hingegen fast poetisch aus, und so ist SEROTONIN auch ein Liebesroman rund um den Verlust der großen Liebe. Man hat eine falsche Entscheidung getroffen, und nun bleiben alle nicht getroffenen richtigen Entscheidungen als persönliche Hölle im Kopf. Klarheit und Machtlosigkeit als Deadly Combination.

„Nun gut, also ehrlich gesagt… Ich habe den Eindruck, Sie sind schlicht dabei, vor Kummer zu sterben.“

Mit gebrochenem Herzen ist sowieso alles egal. So egal, dass Florent noch nicht mal mehr eingreift, wenn im Nachbarhaus schlimme Dinge geschehen oder das Leben eines guten Freundes und Landwirtes den Bach runtergeht. In einem globalisierten, bürokratischen Frankreich kämpft dieser um ein Überleben, das Florent als Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums einmal sichern wollte, aber längst aufgegeben hat.

Abschließend hinterlässt SEROTONIN das permanente Gefühl, als würde man vor einem langsam in Flammen aufgehenden Haus stehen, ohne helfend einzugreifen. Manche Menschen wollen die Welt eben einfach brennen sehen, und interessante Menschen schreiben darüber. Klare Lese-Empfehlung.

Titel: Serotonin
Autor: Michel Houellebecq
Taschenbuch: 330 Seiten
Verlag: DuMont
Ausgabe: 6. Auflage (25. Januar 2019)

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