Kolumne
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Gedichte liest man mit dem Herzen.

Für alle, die im Herzen barfuß sind, Jan Skácel

Letztens habe ich mit meinem Sohn für eine Deutscharbeit geübt. Gedicht-Interpretation, allein das Wort macht ungefähr so viel Bock wie Spülmaschine ausräumen. Gemeinsam wühlen wir uns durch mausgraue Zeilen, bestimmen Versmaße, suchen nach Metaphern und Anaphern und finden es beide total scheiße.

Ich lehne mich zurück und starre auf die Zeilen.

Dann frage ich ihn halbherzig, wie er das Gedicht denn überhaupt findet. Er blickt mich an und sucht nach Worten, die ich gern hören möchte. Keine Ahnung, welche das sind. Das Gedicht derweil, es liegt ermattet zwischen uns und starrt von einem zum anderen. 

Wieso gewöhnt man uns in der Schule eigentlich regelrecht ab, Gedichte EINFACH ZU LESEN? Wieso zerren wir denn an der Form herum, wenn es um Freude gehen sollte? Ich erinnere mich an einen Lyrik-Kurs in der Uni, in dem eine Kommilitonin in der dritten Seminarstunde aufzeigte und dem Dozenten sagte, dass sie ihn leider nicht verstehen könne, da er so viele Fachwörter benutze, dass sie langsam an sich zweifle. Aus ähnlichen Gründen habe ich nach der Uni auch erst mal ein Jahr in Frauenzeitschriften geblättert. Dabei ist Lyrik doch was richtig, richtig Tolles. 

Gedichte können irre fröhlich sein, betrunken am Tisch aufgesagt werden, an die Kindheit erinnern, verrückte Späße machen, die große Liebe gestehen, politische Missstände anprangern, Bilder in den Kopf malen und wilde Gedanken zähmen. Sie können ein Kichern oder ein Tränenkullern auslösen, ein Augenrollen oder ein verständiges Nicken. Und als Stickerei geben sie einem Kopfkissen erst einen tieferen Sinn. 

Gedichte indes zu interpretieren ist ein bisschen wie Notenlesen, ohne ausgelassen auf den Song zu tanzen. Kann man so was Schönes nicht auch einfach mal begrüßen, beziehungsweise genießen? So wie das Herz, das einem jemand in den Schaum seines Kaffees malt, den Opernteil von Bohemian Rhapsody oder Fransen an einem Minirock? Wie ein Wow meines Sohnes, wenn ein Porsche vorbeifährt oder eine Postkarte von Beuys? Ist nicht der Grund, warum wir alle jahrelang mit Worten hin- und herringen, der, dass die große Kunst daran besteht, die Form hinter sich zu lassen und endlich frei zu improvisieren?

Poesie. Eine Auswahl.
Poesie. Eine Auswahl.

Ist Lyrik dann so was wie Freejazz?

Vielleicht bin ich ja auch deshalb ein großer Freund von Lyrik, weil ich beides nicht verstehe. Ich bin schlicht zu doof, um kopfschüttelnd vor der Bühne zu stehen. Gedichte sollten Bock machen, ich geb das hier mal ganz offen zu. Das heißt nicht, dass sie fröhlich sein müssen, manchmal hat man ja auch Bock, sich selbstvergessen die Mascara aus den Wimpern zu heulen. Am liebsten würde ich für Gedichte auf die Straße gehen und anprangern, dass man sie in der Schule schon so schlecht behandelt hat. Nieder mit dem Gedicht-Mobbing. Unsere Zeilen gehören uns. Fuck Versmaß. Lest mehr Gedichte, Leute. Hier ein paar Bände, die ich gerade lese: 

Ich bin so knallvergnügt erwacht, Joachim Ringelnatz
Für alle, die im Herzen barfuß sind, Jan Skácel
Deutsche Unsinnspoesie, Reclam

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Kategorie: Kolumne

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Ninas Buchblog, der freundliche Blog in deiner Nachbarschaft. Hier schreibt Nina über Bücher und die Liebe zum Lesen.

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