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Von Deichen und Fjorden und Träumen und Freiheit.

Noch alle Zeit, Alexander Häusser

Können andere einen darum bringen, das eigene Leben zu leben? Können sie Träume aufhalten wie der Mond die Gezeiten aufhalten könnte? Oder ist man schlicht immer selbst schuld, wenn man sein Glück nicht gleich mit beiden Händen packt und dafür alles andere, alle anderen loslässt?

NOCH ALLE ZEIT von Alexander Häusser erzählt anhand zweier Menschen, die sich rein zufällig begegnen, wie befreiend, steinig, traurig oder berührend es sein kann, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und so auch seine eigenen Konsequenzen zu erschaffen – und dass es allemal besser ist, mit diesen zu leben, als überhaupt nicht zu leben. 

„Sie war krank. Eine Krankheit, für die es keinen Namen gab. Er nannte sie die Automatenkrankheit. Manchmal sprang sie an und funktionierte, als hätte man eine Münze eingeworfen. Und im Büro hatten sie wohl Kleingeld.“

Einer dieser Menschen ist Edvard, der nach dem Tod seiner Mutter vor vielen Fragen steht. Er hat sie nicht losgelassen, als der Vater damals wegging und starb. Als später das Glück vorbeikommt, hat Edvard schon alle Hände voll zu tun mit der Pflege der Mutter. Da kann er nicht auch noch seine Jugendliebe Elsie festhalten. Denn die Mutter ist krank. Vom Leben enttäuscht. Depressiv.

Und irgendwann ist sie tot. Mit ihrem Ableben fliegt das auf, was der inzwischen über fünfzigjährige Edvard bisher als Familiengeschichte kannte: Zunächst taucht ein Konto in Oslo auf, auf dem ein kleines Vermögen angehäuft ist. Offensichtlich vom Vater, der demnach so tot gar nicht sein kann. Wütend zieht Edvard in die Welt los, um seinen Vater zu finden und gibt zum ersten Mal dem Sog nach Freiheit nach.

„Er stand auf dem Deich, das trübe Licht machte das Ufer flach wie Papier, vollgeschrieben mit Erinnerungen. Im Wind war eine rauschende Leere. Edvard spürte den Sog, der in die Stadt führte, über die Brücke, und weiter. Zu Orten, die er nicht kannte.“

Auf der Fähre nach Oslo trifft Edvard auf Alva. Auch die junge Berliner Journalistin ist auf der Suche. Nach magischen Orten für einen neuen Artikel, aber vor allem nach einem Rückzugsort vor den Anforderungen der anderen. Dafür lässt sie sogar ihre kleine Tochter Lina zurück. Mit ihr auf die Reise gehen ihre allgegenwärtigen Kopfhörer mit ihrer Musik, damit das Leben nicht zu laut zu ihr durchdringen kann. Und das Gefühl, das einzig Unperfekte in einer Welt zu sein, in der alle stets das Richtige tun.

„Ihr ganzes Leben bestand aus lausiger Freisprüchen, und sie hatte das Gefühl, dass nur ihr allein fortdauernd der Prozess gemacht wurde, dass sonst keiner vor Gericht stand.“

Edvard und Alva, die eigentlich gar nicht Alva heißt, beginnen eine abenteuerliche Reise durch Norwegen, jeder mit seiner eigenen Geschichte im Gepäck. Bis aus der Zweckgemeinschaft eine Freundschaft wird, in der jeder für sich feststellt, dass man auch unterschiedliche Ziele am besten gemeinsam erreicht. Und dass Liebe kein Verfallsdatum hat.

NOCH ALLE ZEIT ist ein außergewöhnlicher, schöner Roman. Die Sprache ist so bildhaft, dass sie an manchen Stellen schon fast wehtut. Die Geschichte ist erfreulich unvorhersehbar, melancholisch, poetisch. Und sie strahlt die leise Hoffnung aus, dass man im Leben das Ruder immer noch rumreißen kann. Dazu die Kulisse aus Deichen und Fjorden. Zauberhaft. Lesen!

Alexander Häusser ist Wahlhamburger und mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Auch sein inzwischen verfilmter Roman Zeppelin! wurde im Pendragon Verlag veröffentlicht.

Titel: Noch alle Zeit
Autor: Alexander Häusser
Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
Verlag: Pendragon
Auflage: 14. August 2019

Transparenz: Meine Ausgabe ist ein Rezensionsexemplar.
Lieben Dank an den Verlag für die freundliche Bereitstellung.

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2 Kommentare

  1. Melanie sagt

    Wunderschön, und so war….
    Welches schönes Buch&welch herrliche Beschreibung!!!
    Das Buch verzaubert!!!
    Viel Spass bei weiteren guten Büchern!!!!
    -M.

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