200 Seiten, Bücher
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Fantasy mit Format.

Zerbrechliche Dinge, Neil Gaiman

Die Leute denken, dass ich wegen der ganzen Leserei etwas von Büchern verstehe. Das ist netter Quatsch. Die meiste Zeit habe ich mich durch unzählige Vampir-, Dämonen-, Steampunk- und Geistergeschichten gewühlt, ohne etwas Literarisches auch nur mit dem Ärmel zu streifen. Neil Gaiman war nie dabei. Unmöglich eigentlich.

Denn es zeugt schon von klarer Ignoranz, ihn nicht zu kennen. Der in den USA lebende Brite und Autor von American Gods, Don’t Panic, The Sandman oder Coraline hat schließlich mit über 40 Werken sämtliche Fantasy-Preise abgeräumt.

Intelligentes Grausen in 31 Geschichten.

Zerbrechliche Dinge ist nun die Neuauflage einer Kurzgeschichten-Sammlung, diesmal mit allen 23 Geschichten und acht Gedichten der Originalausgabe, alle über 10 Jahre alt. Einige Geschichten fesseln derart, dass man die Hand des Autors förmlich am Ellbogen spürt, während er einen geradewegs in einen sauber gestrickten literarischen Abgrund schubst. Auf die Gedichte hätte ich hingegen komplett verzichten können.

Nun werde ich den Teufel tun und hier zu allen Geschichten etwas schreiben, auch wenn man könnte. Denn jede Geschichte ist wie eine Tür in eine völlig andere Welt.

Das Tückische ist, dass Gaimans Welten auf den ersten Blick so harmlos erscheinen wie Scherben auf der Straße. Man hebt eine auf, weil sie in der Sonne funkelt. Man ist fasziniert – bis man sich schneidet.

Da ist die Sherlock Holmes Story, die meisterhaft das viktorianische London verdreht und mit alten Mächten ausstattet. Oder die Geschichte um das mysteriöse Verschwinden einer unsympathischen Frau in einem Zirkus, der eigentlich gar keiner ist. Die Story, in der ein Junge aus dem Diesseits auszieht, um auf einen Spielkameraden aus dem Jenseits zu treffen. Eine Geschichte, in der die Hölle aus bösen Männern wahrhaftige Teufel macht. Und eine, welche die Gier eines kuriosen Feinschmecker-Ordens unendlich weiterspinnt. In jeder bekommt man aufs Feinste die Banalität der eigenen Erwartungen vorgeführt. Manchmal passiert etwas Beklemmendes, manchmal etwas Belustigendes. Und manchmal könnte schlichtweg mehr passieren.

Kurzgeschichten zu lesen ist eben wie auf einer Party umher zu wandern: Mal trifft man im Flur auf einen interessanten Menschen, mal steht man gelangweilt in der Küche herum.

Ich für meinen Teil habe zwischen den Geschichten, die ich eher anstrengend fand, die gefunden, an die ich bestimmt noch nach Jahren denken werde.

Letztendlich ist es doch nie das Ganze, sondern immer das Zerbrechliche, unter dem etwas Neues zum Vorschein kommt. Daher empfehle ich das Buch allen, die kein Gesamtkunstwerk erwarten, sondern sich gern auf eine skurrile, schwarzhumorige Fantasy-Zeitreise einlassen.

Titel: Zerbrechliche Dinge
Autor: Neil Gaiman
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Eichborn
Auflage: 1. Aufl. 2019 (29. März 2019)

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