Bücher, Romane
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Eine Legende auf der Couch.

Das Einzige, was ich jemals bei eBay ersteigert habe, war ein 5er-Posterset der Beatles aus dem Jahre 1967, das ich zufällig in einer Doku gesehen hatte. Die psychedelisch anmutenden Portraits plus Gruppenfoto von Starfotograf Richard Avedon wurden damals als Zugabe zum deutschen Stern produziert. Nun hängen John, Paul, George & Ringo seit Jahren bei uns im Wohnzimmer rum, und trotzdem habe ich mich nie näher mit ihnen beschäftigt. Jemand zu lieben heißt ja auch nicht unbedingt, ein Experte zu sein. 

Lennon, David Foenkinos
Lennon, David Foenkinos

Lennon von David Foenkinos ist mir ebenso zufällig in einem Buchladen begegnet, und ich habe echt keine Ahnung, warum ich es mitgenommen habe. Die Story klang gut, und im Nachhinein bin ich total froh über diese geniale Zufallsbegegnung.

Zum Roman:

Mit 35 Jahren hatte John Lennon bereits eine sensationelle Karriere hinter sich. 1975 lebte er zurückgezogen mit Frau und Kind in New York und brachte fünf Jahre lang kein neues Album heraus. Der bekennende Lennon-Fan Foenkinos setzt die Beatles-Legende kurzerhand auf die Couch und lässt sie in mehreren fiktiven Therapiesitzungen von 1975-80 über ihr Leben erzählen. So erschafft er entlang wahrer Wegstationen das intensive Bild eines Menschen, der Zeit seines Lebens auf der Suche war.

„Ein Teil von mir hält sich für einen recht erbärmlichen Typen, und ein anderer Teil hält sich für Gott ... Mein ganzes Leben ist ein einziger Versuch, herauszufinden, wer ich bin.“

Auf Foenkinos fiktiver Couch erzählt Lennon über seine von Verlust geprägte Kindheit, die Anfangsjahre der Band und eine Vielzahl von Katastrophen, die der „ständig wiederkehrende Refrain“ seines Lebens zu sein scheinen. Die Mutter, deren „Träume von Ruhm und Bohemeleben an der Wirklichkeit zerschellt“ waren, lässt den Jungen weitestgehend alleine, bis die Tante eingreift und ihn zu sich nimmt. Erst in der Band erfährt Lennon, was es heißt, die Dinge gemeinsam anzugehen. Irgendwann allerdings gibt es nur noch die Band und die Ikone John Lennon, der sich als Mensch zunehmend verliert.

„Wir verkörperten eine Art kontrollierten Wahnsinn … vier englische Jungs schleichen sich in Ihr Haus ein, vernaschen Ihre Tochter, aber erst nachdem sie sich an der Tür ordentlich die Füße abgestreift haben.“

Klar fand ich es irre interessant, mehr über den Aufstieg und auch den Zerfall der Beatles zu erfahren. Oder über die Zeit danach oder Yoko Ono. Aber viel intensiver hat mich das Gefühl bewegt, John Lennon säße einem wirklich gegenüber. Dazu kam die Erkenntnis, dass ich bislang vielmehr über seinen Tod wusste als über sein Leben – und dass es mir schwerfallen wird, den Erzähler am Ende gehen zu lassen.

Lennon, David Foenkinos
Lennon, David Foenkinos

Was Lennon zusammenfassend absolut besonders macht ist, dass der Roman alle Ereignisse, Personen, Gedanken, Krisen und Orte zu dieser einen, intensiven Geschichte zusammensetzt, die nur einer so gelebt haben kann. Vielleicht die wahre Lebensgeschichte von John Lennon. Oder einfach nur die hochsensible, poetische Einschätzung eines bekennenden Fans: unglaublich nahe dran.   

David Foenkinos lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seine mehrfach ausgezeichneten Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. John Lennon hat ihn Zeit seines Lebens begleitet und geprägt.

Titel: Lennon
Autor: David Foenkinos
Taschenbuch: 240 Seiten
Verlag: Penguin Verlag
Auflage: Erstmals im TB (13. Mai 2019)

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