200 Seiten, Bücher, Romane
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Überleben im Eis.

Eisfuchs, Tanya Tagaq

Ich klappe das Buch zu, starre auf den Klappentext und frage mich, was ich denn erwartet hatte. EISFUCHS ist so hell und so schmal, vielleicht zu schmal für die „aufwühlende, moderne Erzählung mythologischen Ausmaßes“, die der NEW YORKER offenbar in ihm sieht. Ich hatte mich eher in den Fuchs auf dem Cover verguckt und auf eine Erzählung mit der Wildheit und Intensität von WEST gefreut.

Was ich gelesen habe, ist anders. Es ist die Geschichte einer Kindheit und Jugend in einem Dorf am Rande der Arktis, in dem die Nordlichter am Himmel herrschen und es monatelang entweder nicht hell oder nicht dunkel wird. Eine Kulisse, die man Naturschauspielen vorbehalten möchte. Umso ergreifender ist es, dass in Tanya Tagaqs Debütroman eher die niederen Instinkte wüten, gegen die man sich so schlecht warm anziehen kann. Klarheit und Würde, lese ich. Die Natur behält sie, während der Mensch sie verliert.

EISFUCHS erzählt sicher ein Stück weit Tanya Tagaqs eigene Geschichte, die als Inuk in Nunavut aufgewachsen ist, einem Territorium weit im Norden Kanadas. Die Erzählung wirkt aber auch wie ein Flickenteppich aus den vielen Geschichten der Inuit-Kinder, denen die kanadische Regierung bis in die Neunzigerjahre hinein mit dem so genannten Residential School Programm brutalst ihre jahrhundertealte Inuit-Kultur austreiben wollte. Ihnen, den Überlebenden, ist das Buch gewidmet – und auch den vielen verschwundenen, ermordeten indigenen Frauen und Mädchen aus dieser Zeit.

Im Buch, das eine kindliche, pubertäre Sicht einnimmt und nicht zu Erklärungen ansetzt (wie auch erklären?), sind Armut, Alkohol, Gewalt, sexuelle Übergriffe und Missbrauch allgegenwärtig und werden auf teils subtile und teils sehr klare Art und Weise beschrieben. Erinnerungen wechseln sich ab mit Gedichten oder Phantasien, und teilweise habe ich das Gefühl, dass man den Texten absichtlich die Reißzähne genommen hat, damit am Ende die Hoffnung überwiegen kann. Und so sanft wirkt auf den ersten Blick auch die Autorin, die ich beim Googeln auf einer Bühne finde, barfuß und leise lächelnd, bevor sie zum Kehlkopfgesang ansetzt. Denn Tanya Tagaq performt als erfolgreiche und preisgekrönte Sängerin diese Tradition der Inuit, in der sich ursprünglich zwei Frauen gegenüberstehen und mit wilden, natürlichen Lauten kommunizieren.

Ein Buch, mit dem ich nicht so richtig warm werden konnte und eine Autorin, die mich fast mehr fesselt. Ich hoffe, dass ich einmal die Gelegenheit haben werde, Tanya Tagaq live zu sehen und dass die Buchtour, die unlängst geplant war, nach dieser crazy Corona-Zeit irgendwann nachgeholt wird.

Rating: 3.5 out of 5.
Das BuchEisfuchs
Die AutorinTanya Tagaq
Der VerlagAntje Kunstmann
Gebundene Ausgabe 11. Februar 2020, 200 Seiten
Wo du es lesen solltestMorgens am Küchentisch
Was du dabei tragen solltestWarm anziehen, bitte

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