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Ein Laden zum Lieben: „Alex liest Agatha“.

Eigentlich sollte er eine Fotokulisse sein, der bildschöne Buchladen Alex liest Agatha in Essen Rüttenscheid. Denn nach über einem Dreivierteljahr Buchbloggen brauchte ich langsam mal Fotos, die über meine üblichen verwackelten Selfies hinausgehen. Deshalb war ich auch total glücklich, als unser Freund Wolf Simon, Musiker und Fotograf aus Essen, sich freundlicherweise angeboten hat mich zu fotografieren. Alex liest Agatha lag einen Spaziergang entfernt und ist 2017 als eine der schönsten Buchhandlungen Deutschlands ausgezeichnet worden.

Direkt beim Eintreten wird auch schon klar, dass hier jemand Bücher liebt: Inhaberin Susanne hat sich vor mehr als zwanzig Jahren den Traum vom eigenen Buchladen erfüllt und eine zauberhafte Oase geschaffen, die förmlich dazu einlädt, den Alltag komplett auszublenden. Und so mache ich das, was Buchmenschen an idealen Orten wie diesen nach ein paar Minuten eben so machen: ich versinke darin.

Ich streife entlang an dunklen Holzregalen, die bis zur Decke reichen und einen bildschönen Kontrast zu rosa Wänden ergeben. Die Auswahl der Bücher und die kleinen, feinen Stapel auf den Tischen unterscheiden sich schon sehr von dem, was Großbuchhandlungen bieten. Denn bei Alex liest Agatha kommen nicht nur Neuerscheinungen auf den Tisch, sondern auch kleine, kuriose Geschichten, versteckte Juwelen und heiß geliebte Entdeckungen.

Schnell habe ich ein Buch gegriffen, das ich gar nicht mehr weglegen kann: eine Sammlung von Postkarten, die Schriftsteller und Drehbuchautor Jurek Becker (Jakob der Lügner, Bronsteins Kinder) an alle Welt geschrieben hat. Jede davon ist ein textliches Kleinod, das nach einer oft herrlich albernen Anrede eine tolle Geschichte erzählt.

Am Strand von Bochum ist allerhand los, Jurek Becker

Susanne und ich reden über Postkarten, und ich erzähle ihr, dass ich ganz viele von meinen Großeltern geerbt habe und sie seitdem in einem Pappkarton horte. Susanne erzählt mir, dass kurz vor mir ein Herr im Laden war, der minutenlang mit sich gehadert hat, ob er dieses Buch, ihr letztes Exemplar, kaufen solle. Ich bin ihm dankbar, dass er es – aus welchen Gründen auch immer – nicht getan hat. Denn Am Strand von Bochum ist allerhand los gehört zu den echten Buchschätzen meines Jahres.

Beim weiteren Stöbern entdecke ich einen venezianisch anmutenden Krimi, der eigentlich kein Krimi ist, das verrückte Malbuch eines Künstlers, eine Abenteuergeschichte und noch so viele andere Bücher, die ich zu Hause vermissen werde, weil ich nun mal nicht alle mitnehmen kann.

Kleiner Eckladen, großartige Menschen und Bücher.

Vorne bei der Jugendliteratur komme ich mit Buchhändlerin Melanie ins Gespräch, die meine Liebe zu Walter Moers und Carl Hiaasen teilt. Wir reden über kuriose Geschichten, das Bloggen und das Leben, und eigentlich möchte ich gar nicht mehr weg. Sie ist es auch, die mir weitere ganz wunderbare Bücher empfiehlt:

Für dich würde ich sterben, F. Scott Fitzgerald

Für dich würde ich sterben heißt die Kurzgeschichten-Sammlung von F. Scott Fitzgerald, die Melanie mir sehr ans Herz legt. Die Geschichten sind auf eine einnehmende Art und Weise verrückt bis unfertig, voll mit ungeschliffenen Dialogen und kleinen Zeitgeschichten. Fitzgerald hat sein recht verschwenderisches Leben meines Wissens zu großen Teilen durch das Schreiben ebensolcher Stories finanziert.

Übrigens mag ich diese seltenen Menschen wie Melanie, die den Mut aufbringen, fremden Leuten fremde Bücher ans Herz zu legen – und die damit auch noch so richtig liegen.

Unabhängigkeit als Lebenslinie. Im Laden und im Schreiben.

Vortreffliche Frauen, Barbara Pym

Eine weitere Entdeckung, Vortreffliche Frauen, erzählt die Geschichte von Mildred, die im London der Vierzigerjahre entdeckt, dass hinter einem selbstlosen Leben auch noch ein wildes, eigenes Leben stecken kann. Überhaupt finde ich bei Alex liest Agatha viele Geschichten über Menschen, die ihrer inneren Überzeugung folgen und ihren Weg gehen, so wie es Susanne mit ihrem Laden täglich tut.

Das letzte Buch, das in meine ohnehin schon vollgepackten Arme wandert, ist Sunwise Turn: Mitten in den Wirren des Ersten Weltkriegs erfüllen sich zwei Frauen in New York den Traum vom eigenen Buchladen – ungeachtet der Tatsache, dass die wirtschaftlichen Bedingungen miserabel und die Konkurrenz in Manhattan erdrückend sind. Beim Lesen der ersten Seite habe ich das Gefühl, dass mir jemand gerade eine große Geschichte über das Glück, Mut und magische Orte in die Hand gedrückt hat, die ich lieben werde.

Sunwise Turn, Madge Jenison

Ich gucke von den leuchtenden Augen meines Gegenübers hinab auf das Buchcover von Sunwise Turn und sehe eine Frau in den Zwanzigerjahren mit Hut und leicht gesenktem Kopf in einem Buchladen stehen. Sie hält ein aufgeschlagenes Buch in den Händen und ist versunken in einem anderen Buchladen in einer anderen Zeit in einem anderen Leben, bevor sie wieder hinaustritt und die Welt sich weiter um sie dreht.

Draußen in Essen wird der beste Hund der Welt langsam unruhig, weil er vor einem Buchladen auf seinen Fotografen-Menschen wartet. Ich zahle und werfe beim Hinausgehen einen Blick zurück in den Raum, an dessen Ende ein antikes Sofa thront, umringt von teils mit Büchern vollgepackten Stühlen. Ab und zu finden hier Veranstaltungen wie etwa Vernissagen oder Konzerte statt; ich kann mir keine bessere Kulisse vorstellen.

Von 12:00 bis 21:00 hat Alex liest Agatha wochentags geöffnet, und ich stelle mir vor, dass ich mich da jetzt hinsetzen könnte und noch stundenlang lesen. Und die Welt dreht sich weiter um mich herum.

Solltest du also kein Frühaufsteher und zufällig mal in Essen Rüttenscheid sein, geh zu Alex liest Agatha und tu das, was auf dem lustigen Poster im Fenster steht: Sag der Buchhändlerin, die dir gegenübersteht, dass dein Leben ohne sie keinen Sinn mehr hätte.

Danke, lieber Wolf, liebe Susanne und liebe Melanie, für die schönste Zufallsbekanntschaft meines ersten Bloggerjahres. Hier findest du Alex und Agatha im Netz, Onlineshop inklusive. Und falls du mal Fotos brauchst, empfehle ich dir Wolf Simon.

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4 Kommentare

  1. Susanne Böckler sagt

    Oh wie toll und großartig! 🙂 Vielen herzlichen Dank für den tollen Artikel! Liebe Grüße aus Rüttenscheid, Susanne

  2. Sehr schöner Beitrag und schöner Blog. Gleich mal abonniert. Danke.

    Das Postkarten-Buch von Jurek Becker ist wirklich großartig. Wir haben es in unserem Tübinger Literatur-Blog Reklamekasper ausführlich vorgestellt: https://www.reklamekasper.de/buchbesprechung/jurek-becker-postkartenschreiber/

    Und wenn Du literarische Postkarten suchst, wir haben da einen kleine Privatproduktion gestartet: http://www.schoenepostkarten.de

    Alles selbst fotografiert, gestaltet und hochwertig und nachhaltig gedruckt.

    Herzliche Grüße aus Tübingen

    Norbert Kraas | Corinna Kern

    • Lieber Norbert, danke für den Link zur Buchbesprechung, ich habe sie gerade mit großem Vergnügen gelesen! Das Buch ist ein Schatz, es liegt auf meinem Schreibtisch und ich gucke täglich hinein. Viele Grüße aus dem Rheinland, Nina

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