200 Seiten, Bücher, Romane
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Stürmische Geschichte!

Die Schneiderin und der Wind, César Aira

Oha, denke ich am Anfang, ein Vorwort. Ich hasse Vorworte. Vorworte sind sozusagen der Sonntagsbrunch unter den Bucheinstiegen: Man steht wortlos mit seinem schalen Prosecco in der Ecke rum, hört der belanglosen Konversation anderer Mitvierziger zu und fragt sich, wann die Party eigentlich losgeht. Ab Seite zwanzig merke ich, dass das Vorwort gar kein Vorwort war, sondern dass ich schon mittendrin bin in einer wahrhaft irren literarischen Verfolgungsjagd.

Die Schneiderin und der Wind von César Aira ist ein auf unter 150 Seiten komprimiertes Werk, das sich liest, als würde man jemandem beim freien Assoziieren zuhören. Größtenteils macht das auch richtig Bock, auch wenn ich des Öfteren schlicht den Faden verliere.

Zusammenfassend geht es um eine Schneiderin ohne Geschmack, aber mit viel Sinn fürs Detail, welche die Verfolgung ihres verschwundenen Sohnes aufnimmt, den sie in Patagonien wähnt. Im Gepäck hat sie ein widerspenstiges Brautkleid, und auf dem Weg lernt sie einen Wirbelwind kennen, der ihr bald darauf seine Liebe gesteht. 

Mehr zur Handlung zu sagen ist schwierig bis unmöglich. Denn sie ist quasi nur eine Skizze und nimmt so kuriose Wendungen, dass ich beim Lesen abwechselnd sowas denke wie „Der nimmt doch Drogen“ oder „Wie genial ist der denn bitteschön.“ DER ist übrigens einer der wichtigsten Schriftsteller Lateinamerikas, César Aira, welcher wahrscheinlich auch in diesem Moment schreibend in einem Café in Buenos Aires sitzt und dessen Markenzeichen skurrile, kurze Werke wie Die Schneiderin und der Wind sind. 

Ich ziehe den Hut vor derart viel künstlerischer Freiheit und schneller Poesie und möchte eigentlich auch in diesem Café sitzen, gegenüber am Tisch ein rund siebzigjähriger argentinischer Schriftsteller mit einem Notizbuch, der mir weismacht er sei gerade in Paris, um eine wahre Geschichte seiner Jugend aufzuschreiben. Ich würde ihm stundenlang zuhören und mir keine Sekunde dabei vorkommen, als sei ich beim Sonntagsbrunch. Ich würde sogar ein Vorwort lesen, wenn er es schreibt. Und endlich mal verstehen, dass man gar nicht alles verstehen muss, solange man es nur in wundersame Worte fassen kann. 

Titel: Die Schneiderin und der Wind
Autorin: César Aira
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Auflage: 1 (Dezember 2017)

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