Bücher, Krimis
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Becketts sechster Streich.

Simon Beckett, Die ewigen Toten

Ich will ja hier nicht rumheulen, aber als berufstätige Mutter streift man nicht gerade stundenlang durch hippe Indie-Buchläden, um danach mit seinen Germanistenfreunden beim Milchkaffee Paul Auster zu diskutieren. Sehr viel realistischer ist, dass man mich nachmittags halb zusammengesackt wahlweise vor dem Tchibo- oder Bestseller-Regal des örtlichen Dorf-REWEs findet, wo ich dann Impulskäufe tätige, die sich mal als erfreulich und mal als absolut nichtig erweisen.

„Die ewigen Toten“ von Simon Beckett war einer der erfreulichen Käufe. 

Nun mag man gerne behaupten, dass es keine Kunst ist einen Spiegel-Bestseller zu kaufen, denn da muss ja quasi was dran sein, sonst wäre es kein Spiegel-Bestseller. Das ist dann aber genau so, als würde man behaupten, dass damals an Cherry Cherry Lady was dran gewesen sein muss, sonst wäre das nicht so ein Hit geworden. Ich persönlich hasse übrigens diese hässlichen Spiegel-Bestseller-Aufkleber, die sich nie wieder richtig von bildschönen Buchtiteln abpiddeln lassen, aber das nur am Rande.

Fakt ist, dass dies mein erstes Buch von Beckett ist. 

Ja, ich habe einfach einen sechsten Teil gekauft und den zuerst gelesen, ich bin ein krasser Revoluzzer. Zum einen war das ein echt genialer Schachzug, da man alle Krimis rund um den forensischen Anthropologen David Hunter offensichtlich ohne Vorkenntnisse lesen kann. Zum anderen ist bei mir noch nicht die Ermüdung eingetreten, die sich anscheinend bei braveren Beckett-Lesern eingestellt hat, die alle Bände der Reihe nach gelesen haben. 

Kurz zur Story: 

In einem stillgelegten Krankenhaus im Norden Londons wird kurz vor dem Abriss die mumifizierte Leiche einer jungen Frau gefunden. Dies ruft den Forensiker David Hunter auf den Plan, der sich nicht nur mit der eigenen Vergangenheit, sondern auch mit beruflichen Grabenkämpfen und einem Tatort herumschlagen muss, der immer wieder böse Überraschungen bereithält. So wird bei dem Versuch, die Leiche zu bergen, ein fensterloses Krankenzimmer entdeckt, das mehr als nur ein dunkles Geheimnis birgt.

„Und warum wurde der Eingang zugemauert, obwohl dort nach wie vor Krankenbetten stehen. Betten, in denen noch jemand liegt …“

Ja, das ist gruselig, und wenn so ein laut Routinelesern mittelmäßiger Beckett beginnt, dann möchte ich bitte sofort auch alle anderen lesen. Mein persönliches Fazit fällt hingegen durchweg positiv aus: „Die ewigen Toten“ erfüllt alle meine Erwartungen an schlimme Gruseligkeit, subtile Intelligenz und makabre Zwischenfälle. Ich mag die Schwere und gleichzeitige Klarheit, die sich schon in den ersten Zeilen über die Hauptfigur senkt wie ein steter Nieselregen. Und ihre Besessenheit, die Dinge einfach nicht auf sich beruhen zu lassen. 

Es gibt ohnehin wenige Persönlichkeiten in der Geschichte, die nicht von irgend etwas getrieben sind. Als David-Hunter-Neuling kann man zwar erahnen, wie es zur Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten kam, aber hier fehlen mir in der Tat fünf Bücher. Je mehr man aber zwischen den Zeilen erfährt, desto weniger möchte man mit ihm tauschen, desto mehr möchte man erfahren. 

Krimis erwischen einen oft kalt, so auch dieser. 

Beispielsweise nimmt der fachliche Zusammenstoß mit einem jungen, übermotivierten Kollegen eine Wendung, die ich so nicht erwartet hätte. Andere Stellen sind vorhersehbar, aber oft gerade deshalb erfreulich schwer zu ertragen. 

Klar ist, dass ich von Anfang in die Buchreihe einsteigen werde, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Ich muss nur mal in die Stadt in einen Buchladen und solange umherstreifen, bis ich diese wunderbar minimalistischen Schwarzweißcover schon von Weitem sehe. Aber das ergibt sich sicher, irgendwann.  

Titel: Die ewigen Toten
Autor: Simon Beckett
Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Wunderlich
Ausgabe: 1. Auflage (12. Februar 2019)

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