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Magische Expedition durch das koloniale Indien.

Das Museum der Welt. Christopher Kloeble

 „Mein Name ist Bartholomäus, ich bin mindestens zwölf Jahre alt und heute, am 20. Oktober 1854, habe ich das erste Museum Indiens gegründet. Ich nenne es das Museum der Welt.“

Indien in den 1850ern, die East India Company herrscht wie eine Regierungsmacht über weite Teile des Subkontinents. Derweil wächst Bartholomäus unter der Obhut eines bayrischen Geistlichen in einem Waisenhaus in Bombay auf. Aufgeweckt, aber schmächtig, geht er den Streichen der anderen Waisenkinder aus dem Weg und erschafft sich in einer alten Holzkiste ein Museum aus gesammelten Dingen.

Denn Bartholomäus ist – wie sein großes Vorbild Alexander von Humboldt – überzeugt davon, dass jedes noch so unscheinbare Objekt ihm hilft, die Welt als Ganzes zu verstehen. Und wer die ganze Welt versteht, versteht auch seine eigene Identität.

Bald trifft Bartholomäus auf drei Persönlichkeiten, die ebenfalls die Welt verstehen wollen: Auf Empfehlung Humboldts und im Auftrag der Company brechen die deutschen Gebrüder Schlagintweit am 20. September 1854 aus England zu einer Forschungsreise nach Indien und Hochasien auf. In Bombay verpflichten sie den altklugen Waisenjungen, der Deutsch und etliche andere Sprachen spricht, als Übersetzer für diese größte und teuerste Expedition ihrer Zeit.

„Wirst du uns in Schwierigkeiten bringen?, fragte (Hermann) mich. Drei Brüder und ein Vater warteten auf meine Antwort. Höchstwahrscheinlich, sagte ich.“

Drei Jahre lang begleitet Bartholomäus Robert, Hermann und Adolph Schlagintweit durch einen widersprüchlichen und größtenteils unentdeckten Kontinent. Christopher Kloeble, der selbst familiär mit Indien verbandelt ist, hält sich dabei strikt an die echte Forschungsroute und macht drei Pioniere bekannt, die trotz ihrer weltbewegenden Erkenntnisse so gut wie in Vergessenheit geraten sind.

Das Museum der Welt. Christopher Kloeble

Die wahre Geschichte der Forscher dabei aus der Perspektive des fiktiven Bartholomäus zu erzählen, habe ich beim Lesen als ziemlich genial empfunden. Denn so konnte ich neugierig, aber auch hinterfragend dabei sein, wenn die Schlagintweits unerforschte Gebiete erschließen oder vor lauter Wissensdrang die menschliche Würde außer Acht lassen. Denn auch die Inder sind oft nicht vielmehr als ihre Forschungsobjekte.

„Die Brüder sammeln mehr Objekte, als ich aufschreiben kann. Solange es sich transportieren lässt, nehmen sie es mit. … Im Austausch dafür lassen sie auch etwas da: die Namen der Objekte. Mit gefallen vor allem jene der Tiere. Ganges-Diademschildkröten und Gelbnackenspechte und Schwarznarbenkröten und Kletternattern.“

Ich habe die komplette Klaviatur menschlichen Verhaltens auf einer teils hundert Mann starken Forschungskarawane kennen gelernt. Zudem verspürt man die Zerrissenheit Indiens vor dem ersten Unabhängigkeitskrieg – und die der Wissenschaftler und des Jungen, einerseits großen Idealen verpflichtet, andererseits Schachfiguren der East India Company, die im „Great Game“ die Vorherrschaft über Zentralasien gewinnen will.

Mit über 500 Seiten ist DAS MUSEUM DER WELT sicher ein kleiner Wälzer, und wie die Expedition selbst sind manche Wegstrecken spannend, andere beschwerlich. Dennoch habe ich den Roman förmlich verschlungen. Selten habe ich beim Lesen so viel gegoogelt, weil ich so fasziniert von der wahren Geschichte war.

„Man kann nicht so viel aus einem Land mitnehmen, ohne einiges von sich zurückzulassen.“

Die Gebrüder Schlagintweit kehrten nicht alle lebend nach Deutschland zurück. Die, die es taten, brachten rund 40.000 Objekte, einen Höhenrekord, über 400 Aquarelle sowie unzählige Fotos mit, die sie zu Lebzeiten nicht mehr vollständig auswerten konnten. Christopher Kloeble hat aus ihrer Geschichte einen dicht gewebten, oft sehr charmanten und intelligenten Abenteuerroman mit vielen großen Fragen und Antworten gemacht.

DAS MUSEUM DER WELT ist der vierte Roman des Autors, der in Berlin und Neu-Delhi lebt. Ganz wunderbar, lesen.

Titel: Das Museum der Welt
Autor: Christopher Kloeble
Gebundene Ausgabe: 528 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Auflage: 21. Februar 2020

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