Alle Artikel in: Romane

Pique Dame, Alexander Puschkin

Das Glück liegt in den Karten: coolest Klassiker!

Wenn man so wenig von Literatur versteht wie ich, dann rennt man oft aus Versehen in sie hinein. Letztens erst passiert, im Siebten Himmel, mitten in Köln: In der Auslage direkt hinterm Fenster stand das schönste Buch der Welt. Dass es auch ein Puschkin war, habe ich erst zu Hause so richtig realisiert.  Erstmal für die anderen Banausen:  Alexander Sergejewitsch Puschkin, geboren am 26. Mai 1799 in Moskau, ist dieser heldenhafte Nationaldichter, der mit seinen Werken die moderne russische Literatur begründet hat. Normalerweise fasse ich Bücher von so einem Kaliber gar nicht erst an, aus Angst mich zu blamieren. Außerdem hasse ich fast durchsichtige Buchseiten und antike Formulierungen, die sich gegenseitig auf den Füßen rumstehen. Aber dieses Buch hier ist anders. Bunt. Schön. Witzig. Abgründig. Böse. Amüsant. Du solltest es lesen. Und ab und zu seufzen. Das setzt dann Puschkins morbider Romantik irgendwie noch die Fellmütze auf.  Das Schicksal als Glücksspiel: Pique Dame! Die Pique Dame (1834) ist die Mutter aller Kurzgeschichten der russischen Literatur. Sie erzählt von einem jungen Offizier, der beim Kartenspiel gewinnen will, …

Vom Winde verweht, Margaret Mitchell

Verlieben für Fortgeschrittene.

Ich lese selten Liebesromane, und vielleicht mag das die eine oder andere sehnsuchtsvolle Seele hier enttäuschen. Ich kann nicht einmal so richtig sagen, woran das liegt, denn schließlich gehöre ich zu den Menschen, die sich auf jedwede brasilianische Telenovela mit vorhersehbarem Happy End stürzen. Bei Büchern ist das anders. Mit den Jahren, die ich lesend verbringe, sind die Kriterien vielleicht härter geworden und die Messlatte höher. Oder es ist schlicht die Tatsache, dass nach DIE LIEBE IN DEN ZEITEN DER CHOLERA nicht mehr viel kommt. Zwei Liebesromane stehen bei mir im Regal, und jetzt, wo ich das hier aufschreibe, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob man sie überhaupt als solche degradieren sollte. Der eine ist VOM WINDE VERWEHT. Ich weiß noch, wie ich ihn in meiner Studienzeit, auf einem Liegestuhl in Florida gegen die Sonne ankämpfend, förmlich verschlungen habe, während mein damaliger Freund mir ständig in den Ohren lag, ich solle doch lieber etwas mit ihm unternehmen. Ich war taub für seine Vorschläge, war ich doch in eine so viel größere Geschichte …

Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden, Genki Kawamura

Charmante Erzählung über das, was zählt.

Es gibt zu viele Sachen. Überall liegen sie herum. Manchmal fragt man sich, wie sie eigentlich alle dorthin gekommen sind, wo sie jetzt sind – und wer um alles in der Welt gesagt hat, dass wir sie wirklich brauchen. WENN man dann mal eine Sache wirklich braucht, ist sie oft unter so vielen anderen Sachen begraben, dass man sie nicht mehr findet. Selbst verloren gehen einem Sachen noch auf die Nerven.   Wie wäre es wohl, wenn alle diese Sachen verschwänden? Oder besser: die, die uns allen den Blick auf das Wichtige versperren, auf das Leben oder auf uns selbst? Das wäre ein ziemlich guter Deal. Nur leider ist dies nicht wirklich der Deal, den der junge Briefträger in Genki Kawamuras zauberhaftem Buch WENN ALLE KATZEN VON DER WELT VERSCHWÄNDEN mit dem Teufel macht. Ein Teufel im Hawaii-Hemd. Als ein japanischer Briefträger mit Dreißig erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat, lässt er sich auf einen ungewöhnlichen Pakt mit dem Teufel ein: Für jeden geschenkten Tag, den der Briefträger länger leben kann, darf …

Edgar Rai, Im Licht der Zeit

Kopfkino mit Marlene.

Volià, die Zwanzigerjahre sind da. In den letzten Zwanzigern hätten wir jetzt das erste „Funkspiel“ im Radio angehört. Heute begleiten uns Hörbücher, Podcasts oder Hörspiele nahezu überallhin. Rund acht Millionen von uns hören täglich*, und es gibt Zeiten, da bin ich eine von ihnen. Gerade in der letzten Woche hat mir ein Hörbuch wieder das Leben gerettet, als meine Familie stressig, krank, chaotisch und alles das war, was Familien sein können, wenn sie nicht gerade ganz entzückend sind. Das Buch sprüht vor Witz und Zeitgeschichte – vielleicht hörst du ja auch mal rein.   IM LICHT DER ZEIT von Edgar Rai Willkommen in den Goldenen Zwanzigern, als der Stummfilm den Heldentod stirbt und der deutsche Tonfilm geboren wird: DER BLAUE ENGEL macht das bislang als völlig talentfrei geltende Revuemädchen Marlene Dietrich über Nacht unsterblich. Der Film, in dem sie als Varietésängerin Lola Lola einen gestandenen Professor zugrunde richtet, ist heute noch Kult. Der Roman des Wahlberliners Edgar Rai ist auch als Hörbuch erste Klasse. „Diese Beine werden es wohl noch mal weit bringen.“ (Marlenes Tante …

Noch alle Zeit, Alexander Häusser

Von Deichen und Fjorden und Träumen und Freiheit.

Können andere einen darum bringen, das eigene Leben zu leben? Können sie Träume aufhalten wie der Mond die Gezeiten aufhalten könnte? Oder ist man schlicht immer selbst schuld, wenn man sein Glück nicht gleich mit beiden Händen packt und dafür alles andere, alle anderen loslässt? NOCH ALLE ZEIT von Alexander Häusser erzählt anhand zweier Menschen, die sich rein zufällig begegnen, wie befreiend, steinig, traurig oder berührend es sein kann, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und so auch seine eigenen Konsequenzen zu erschaffen – und dass es allemal besser ist, mit diesen zu leben, als überhaupt nicht zu leben.  „Sie war krank. Eine Krankheit, für die es keinen Namen gab. Er nannte sie die Automatenkrankheit. Manchmal sprang sie an und funktionierte, als hätte man eine Münze eingeworfen. Und im Büro hatten sie wohl Kleingeld.“ Einer dieser Menschen ist Edvard, der nach dem Tod seiner Mutter vor vielen Fragen steht. Er hat sie nicht losgelassen, als der Vater damals wegging und starb. Als später das Glück vorbeikommt, hat Edvard schon alle Hände voll zu …

Nachttiger, Yangsze Choo

Juwel in Buchform.

Wer mich näher kennt, der weiß, dass „zu Tränen gerührt“ nicht gerade zu meinen Top-Drei-Allgemeinzuständen gehört. Trotzdem habe ich mir eben tief beeindruckt diesen bildschönen Fünfhundertseiten-Schinken ans Herz gedrückt. Wow, wie toll war das denn bitteschön. NACHTTIGER ist das zweite Buch der Malaysierin Yangsze Choo und das erste, das von ihr auf Deutsch verlegt wurde. Streckenweise liest es sich fast wie ein poetischer Thriller. Oder ein exotisches Märchen. Oder auch mal der reinste Liebesroman. Dieser ungewöhnliche Mix ist es auch, der mich total geflasht und betört hat. Abgesehen davon lese ich gerne Geschichten über ein Stück Geschichte, und wenn sie recht subtil daherkommt.   Britisch-Malaya in den Dreißigerjahren: Der chinesische Houseboy Ren setzt alles daran, um den amputierten Finger seines verstorbenen britischen Herrn zu finden. Denn eine Seele kann nur dann Ruhe finden, wenn alle Körperteile im Tode vereint sind. Genau neunundvierzig Tage hat der elfjährige Ren Zeit, um seine Mission zu erfüllen – so lange, wie Seelen sich noch auf Wanderschaft befinden. Glücklicherweise ergattert der Junge eine neue Arbeitsstelle bei Dr. William Acton, welcher …