Alle Artikel in: 200 Seiten

Manchmal hat man einfach keine Zeit. Und auch gar keinen Kopf. Aber vielleicht viele, viele kleine Pausen, die man normalerweise am Handy verdaddelt … Daher habe ich diese Kategorie aufgemacht, für alle Gestressten, vom Alltag gebeutelten, die vor dem Einschlafen höchstens drei Seiten schaffen:-) Lest was Kurzes. Oder Kurzgeschichten. Muss ja nicht immer Vom Winde verweht sein …

Zerbrechliche Dinge, Neil Gaiman

Fantasy mit Format.

Wer das Unerwartete mag, wird diese Kurzgeschichten lieben: Neil Gaiman, Meister des Fantasyromans, setzt alle Regeln dieser Welt in schwarzhumorigen, skurrilen Geschichten außer Kraft. Lesetipp für alle, die kein Gesamtkunstwerk, sondern ein spaßiges, auch mal beklemmendes Sammelsurium erwarten.

West, Carys Davies

Wahre, wilde Größe.

Manche Geschichten haben eine ganz eigene Kraft.West ist eine von ihnen. Denn das Romandebüt von Carys Davies zieht den Leser in seinen Bann wie ein reißender Fluss: In kurzen Sätzen und opulenten Bildern führt das Buch in einen unbekannten Wilden Westen und bleibt bis zur letzten Seite unvorhersehbar. Ich habe den Roman förmlich verschlungen. Mit „umwerfend“ (The Guardian), „ein Kleinod“ (The Toronto Star) und „Bravo“ (Deutschlandfunk) überschlagen sich die Kritiken. Verständlich, finde ich.  Pennsylvania im Jahr 1815. Als der einfache Maultierzüchter John Cyrus Bellman in der Zeitung die Nachricht einer unglaublichen Entdeckung liest, lässt ihm dies keine Ruhe mehr. Er packt zwei Gewehre, eine Decke und ein paar Bündel und macht sich zu Pferde in Richtung Rocky Mountains auf, um mit eigenen Augen zu sehen, was er gelesen hat. Dabei lässt der Witwer nicht nur seine Farm und das Land zurück, das er sich als Siedler zu eigen gemacht hat. Sondern er gibt auch seine Tochter Bess in die Obhut seiner lieblosen Schwester Julie. So beginnt der nur 204 Seiten lange Roman: mit einem Abschied …

Die Schneiderin und der Wind, César Aira

Stürmische Geschichte!

Oha, denke ich am Anfang, ein Vorwort. Ich hasse Vorworte. Vorworte sind sozusagen der Sonntagsbrunch unter den Bucheinstiegen: Man steht wortlos mit seinem schalen Prosecco in der Ecke rum, hört der belanglosen Konversation anderer Mitvierziger zu und fragt sich, wann die Party eigentlich losgeht. Ab Seite zwanzig merke ich, dass das Vorwort gar kein Vorwort war, sondern dass ich schon mittendrin bin in einer wahrhaft irren literarischen Verfolgungsjagd. Die Schneiderin und der Wind von César Aira ist ein auf unter 150 Seiten komprimiertes Werk, das sich liest, als würde man jemandem beim freien Assoziieren zuhören. Größtenteils macht das auch richtig Bock, auch wenn ich des Öfteren schlicht den Faden verliere. Zusammenfassend geht es um eine Schneiderin ohne Geschmack, aber mit viel Sinn fürs Detail, welche die Verfolgung ihres verschwundenen Sohnes aufnimmt, den sie in Patagonien wähnt. Im Gepäck hat sie ein widerspenstiges Brautkleid, und auf dem Weg lernt sie einen Wirbelwind kennen, der ihr bald darauf seine Liebe gesteht.  Mehr zur Handlung zu sagen ist schwierig bis unmöglich. Denn sie ist quasi nur eine Skizze …

Das Café am Rande der Welt, John Strelecky

Vom Rumkurven und Finden.

„Lies das Buch“, sagt eine Freundin zu mir, während wir auf der Terrasse in der Sonne sitzen und darüber reden, dass wir beide vor Kurzem unsere völlig unterschiedlichen Jobs geschmissen haben, um wieder glücklich zu sein. „Klar“, sage ich, und kurz darauf halte ich ein dünnes Büchlein in den Händen, das so gar nicht danach aussieht, als könne es mir den Sinn des Lebens erklären, geschweige denn dafür sorgen, dass sich mein aktueller Gefühlsstatus von „weniger unglücklich“ in „glücklich“ ändert. Aber hey, es ist ein Buch. Und Bücher können Leben verändern. Also lese ich es. So ungefähr fünf Monate nach dem Tag auf der Terrasse. Die Handlung ist fiktiv, die Analogie fast schmerzhaft simpel: Das Café am Rande der Welt von John Strelecky ist der Klassiker für alle, die unterwegs sind, aber ihr Ziel längst aus den Augen verloren (und das ganze Umherirren auch langsam irgendwie satt) haben. Und so beginnt die Geschichte auch erst einmal damit, dass der Erzähler, ein krass gestresster Manager, sich in der Pampa verfährt und letztendlich in einem kleinen Café …