Alle Artikel in: 200 Seiten

Manchmal hat man einfach keine Zeit. Und auch gar keinen Kopf. Aber vielleicht viele, viele kleine Pausen, die man normalerweise am Handy verdaddelt … Daher habe ich diese Kategorie aufgemacht, für alle Gestressten, vom Alltag gebeutelten, die vor dem Einschlafen höchstens drei Seiten schaffen:-) Lest was Kurzes. Oder Kurzgeschichten. Muss ja nicht immer Vom Winde verweht sein …

Pique Dame, Alexander Puschkin

Das Glück liegt in den Karten: coolest Klassiker!

Wenn man so wenig von Literatur versteht wie ich, dann rennt man oft aus Versehen in sie hinein. Letztens erst passiert, im Siebten Himmel, mitten in Köln: In der Auslage direkt hinterm Fenster stand das schönste Buch der Welt. Dass es auch ein Puschkin war, habe ich erst zu Hause so richtig realisiert.  Erstmal für die anderen Banausen:  Alexander Sergejewitsch Puschkin, geboren am 26. Mai 1799 in Moskau, ist dieser heldenhafte Nationaldichter, der mit seinen Werken die moderne russische Literatur begründet hat. Normalerweise fasse ich Bücher von so einem Kaliber gar nicht erst an, aus Angst mich zu blamieren. Außerdem hasse ich fast durchsichtige Buchseiten und antike Formulierungen, die sich gegenseitig auf den Füßen rumstehen. Aber dieses Buch hier ist anders. Bunt. Schön. Witzig. Abgründig. Böse. Amüsant. Du solltest es lesen. Und ab und zu seufzen. Das setzt dann Puschkins morbider Romantik irgendwie noch die Fellmütze auf.  Das Schicksal als Glücksspiel: Pique Dame! Die Pique Dame (1834) ist die Mutter aller Kurzgeschichten der russischen Literatur. Sie erzählt von einem jungen Offizier, der beim Kartenspiel gewinnen will, …

Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden, Genki Kawamura

Charmante Erzählung über das, was zählt.

Es gibt zu viele Sachen. Überall liegen sie herum. Manchmal fragt man sich, wie sie eigentlich alle dorthin gekommen sind, wo sie jetzt sind – und wer um alles in der Welt gesagt hat, dass wir sie wirklich brauchen. WENN man dann mal eine Sache wirklich braucht, ist sie oft unter so vielen anderen Sachen begraben, dass man sie nicht mehr findet. Selbst verloren gehen einem Sachen noch auf die Nerven.   Wie wäre es wohl, wenn alle diese Sachen verschwänden? Oder besser: die, die uns allen den Blick auf das Wichtige versperren, auf das Leben oder auf uns selbst? Das wäre ein ziemlich guter Deal. Nur leider ist dies nicht wirklich der Deal, den der junge Briefträger in Genki Kawamuras zauberhaftem Buch WENN ALLE KATZEN VON DER WELT VERSCHWÄNDEN mit dem Teufel macht. Ein Teufel im Hawaii-Hemd. Als ein japanischer Briefträger mit Dreißig erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat, lässt er sich auf einen ungewöhnlichen Pakt mit dem Teufel ein: Für jeden geschenkten Tag, den der Briefträger länger leben kann, darf …

Lagerfeld your Life, Anna Basener

Die Leichtigkeit des Karlseins.

Nein, ich habe nicht Rotz und Wasser geheult, als Karl Lagerfeld im Februar 2019 gestorben ist. Ich bin mehr der Oh-Schreck-Freddy-Mercury-ist-tot-Typ. Nichtsdestotrotz hat die Welt mit Karl jemanden verloren, der die Kunst beherrschte, kreativ, impulsiv und ein Vorbild zugleich zu sein. Warhol war nie so klar im Kopf. Kinski konnte sich nicht benehmen. Hemingway hatte ständig einen Kater. Aber Lagerfeld hatte sich im Griff und war trotzdem herrlich inkonsequent. Davon abgesehen muss ich bei ihm immer an meine Freundin Katja denken, die zu Karneval mal als Lagerfeld gegangen ist, während ihr Freund Lutz Choupette war. Danach kommt nicht mehr viel, so rein style- und humortechnisch, wenn ihr mich fragt. Als ich gelesen habe, dass Anna Basener ein Buch über Lagerfeld schreibt, war es mir daher ziemlich egal, dass Karl nicht Freddy und mein Buchblog kein Styleblog ist*. Denn Frau Basener hat eine ähnliche Gabe wie Herr Lagerfeld: Sie haut Sätze raus, die ich mir am liebsten sofort auf ein Kissen sticken würde. Gute Kombination also, eine modeverliebte Schreiberin und ein Modezar, neben dem selbst Vertreter …

Nachts nicht weit von wo, Weissmann Verlag

Wenn es Nacht wird in Köln.

„Das wird nicht in deinen Buchblog passen,“ schreibt Steff und möchte mir trotzdem ein Buch schicken. Als es ankommt, geht es mir ein bisschen wie an meinem ersten Tag in Köln: Ich wandere glücklich durch die Buchseiten wie durch die schwül-warmen Straßen am ersten Juli 2001, am Barbarossaplatz wird es langsam dunkel, und überall sind Menschen, zwischen Kyffhäuser und Zülpicher, lachend und schwatzend und scherzend und trinkend und manchmal auch schon deutlich schwankend. Und natürlich ist NACHTS NICHT WEIT VON WO von Peter Rosenthal (Herausgeber), Stefan Flach (Designer) und Michael Weißmann (Fotograf) ein Buch für meinen Blog, weil es ein ähnlich gutes, authentisches Erlebnis ist wie ebendieser Marsch durch die damals noch neuen Straßen. Das Buch ist matt und dunkel wie Stadt-Asphalt, kurz bevor der Regen drauffällt und das ganze Konfetti wieder zu matschiger Großstadtpampe macht. Die Beiträge sind von mehr als 15 Autoren und 11 Fotografen aus Köln-Ehrenfeld und dem Rest der Welt. Hier folgen Gedichte auf Songs, Kurztexte auf Zitate, Erzählungen auf Fragmente, Dunkelheit auf Abschied, Erinnerungen auf Morgengrauen – alles zusammengetragen und fotografisch in Köln Ehrenfeld angesiedelt, aber doch …

Zerbrechliche Dinge, Neil Gaiman

Fantasy mit Format.

Wer das Unerwartete mag, wird diese Kurzgeschichten lieben: Neil Gaiman, Meister des Fantasyromans, setzt alle Regeln dieser Welt in schwarzhumorigen, skurrilen Geschichten außer Kraft. Lesetipp für alle, die kein Gesamtkunstwerk, sondern ein spaßiges, auch mal beklemmendes Sammelsurium erwarten.

West, Carys Davies

Wahre, wilde Größe.

Manche Geschichten haben eine ganz eigene Kraft. WEST ist eine von ihnen. Denn das Romandebüt von Carys Davies zieht den Leser in seinen Bann wie ein reißender Fluss: In kurzen Sätzen und opulenten Bildern führt das Buch in einen unbekannten Wilden Westen und bleibt bis zur letzten Seite unvorhersehbar. Ich habe den Roman förmlich verschlungen. Mit „umwerfend“ (The Guardian), „ein Kleinod“ (The Toronto Star) und „Bravo“ (Deutschlandfunk) überschlagen sich die Kritiken. Verständlich, finde ich.  Pennsylvania im Jahr 1815. Als der einfache Maultierzüchter John Cyrus Bellman in der Zeitung die Nachricht einer unglaublichen Entdeckung liest, lässt ihm dies keine Ruhe mehr. Er packt zwei Gewehre, eine Decke und ein paar Bündel und macht sich zu Pferde in Richtung Rocky Mountains auf, um mit eigenen Augen zu sehen, was er gelesen hat. Dabei lässt der Witwer nicht nur seine Farm und das Land zurück, das er sich als Siedler zu eigen gemacht hat. Sondern er gibt auch seine Tochter Bess in die Obhut seiner lieblosen Schwester Julie. So beginnt der nur 204 Seiten lange Roman: mit einem …

Die Schneiderin und der Wind, César Aira

Stürmische Geschichte!

Oha, denke ich am Anfang, ein Vorwort. Ich hasse Vorworte. Vorworte sind sozusagen der Sonntagsbrunch unter den Bucheinstiegen: Man steht wortlos mit seinem schalen Prosecco in der Ecke rum, hört der belanglosen Konversation anderer Mitvierziger zu und fragt sich, wann die Party eigentlich losgeht. Ab Seite zwanzig merke ich, dass das Vorwort gar kein Vorwort war, sondern dass ich schon mittendrin bin in einer wahrhaft irren literarischen Verfolgungsjagd. DIE SCHNEIDERIN UND DER WIND von César Aira ist ein auf unter 150 Seiten komprimiertes Werk, das sich liest, als würde man jemandem beim freien Assoziieren zuhören. Größtenteils macht das auch richtig Bock, auch wenn ich des Öfteren schlicht den Faden verliere. Zusammenfassend geht es um eine Schneiderin ohne Geschmack, aber mit viel Sinn fürs Detail, welche die Verfolgung ihres verschwundenen Sohnes aufnimmt, den sie in Patagonien wähnt. Im Gepäck hat sie ein widerspenstiges Brautkleid, und auf dem Weg lernt sie einen Wirbelwind kennen, der ihr bald darauf seine Liebe gesteht.  Mehr zur Handlung zu sagen ist schwierig bis unmöglich. Denn sie ist quasi nur eine Skizze …

Das Café am Rande der Welt, John Strelecky

Vom Rumkurven und Finden.

„Lies das Buch“, sagt eine Freundin zu mir, während wir auf der Terrasse in der Sonne sitzen und darüber reden, dass wir beide vor Kurzem unsere völlig unterschiedlichen Jobs geschmissen haben, um wieder glücklich zu sein. „Klar“, sage ich, und kurz darauf halte ich ein dünnes Büchlein in den Händen, das so gar nicht danach aussieht, als könne es mir den Sinn des Lebens erklären, geschweige denn dafür sorgen, dass sich mein aktueller Gefühlsstatus von „weniger unglücklich“ in „glücklich“ ändert. Aber hey, es ist ein Buch. Und Bücher können Leben verändern. Also lese ich es. So ungefähr fünf Monate nach dem Tag auf der Terrasse. Die Handlung ist fiktiv, die Analogie fast schmerzhaft simpel: DAS CAFÉ AM RANDE DER WELT von John Strelecky ist der Klassiker für alle, die unterwegs sind, aber ihr Ziel längst aus den Augen verloren (und das ganze Umherirren auch langsam irgendwie satt) haben. Und so beginnt die Geschichte auch erst einmal damit, dass der Erzähler, ein krass gestresster Manager, sich in der Pampa verfährt und letztendlich in einem kleinen Café …