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Weniger ist Wow. Vom ästhetischen Minimalismus.

Perlen statt Plunder, Andrea Bruchwitz

Ich habe einiges von meiner Mutter geerbt. Die Haarfarbe zum Beispiel, ihre Lebensfreude, ihre Hartnäckigkeit – und auch das schlechte Gewissen, nachdem man sich etwas Schönes nur für sich selbst gekauft hat. Nun ist meine Mutter in den Fünfzigerjahren aufgewachsen, war früh auf sich allein gestellt und weiß, wie es ist, wenn man wenig hat. Ihre (und meine) Lieblingsgeschichte ist die, dass sie den ganzen Monat quasi von einem Glas Milch und einem Brötchen am Tag gelebt hat, um sich am Ende des Monats eine Schallplatte zu kaufen. Meine Mutter war schlank, ja. Und sie konnte großartig Twist tanzen. Heute würde man das vermutlich Minimalismus nennen.

Das wertschätzende Bestreben, sich alleine mit dem zu umgeben, was wirklich wichtig ist und dafür vieles andere aufzugeben.

Perlen statt Plunder von Andrea Buchwitz beschreibt in diesem Sinne den „Ästhetischen Minimalismus“ als perfekte Lebensform, um durch das moderne, viel zu vollgepackte Leben zu kommen. Ganz gleich, ob man dazu nur die Wohnung, den Kopf oder auch gleich den ganzen Bekanntenkreis entrümpeln sollte.

„Sie haben nur ein begrenztes Kapazitätengeflecht aus Zeit, Geld und Energie. Nutzen Sie es wohlbedacht für alles, was Ihnen wirklich am Herzen liegt.“

Das spricht dafür, erst mal alles andere wegzulassen. Die Ästhetik kommt dann mit den Dingen, mit denen man sich umgibt. Ich beschreibe es mal so: Ich hätte mit dem Führerschein damals das Geld für die Anzahlung eines Porsche zusammenkratzen sollen. Dann hätte ich jetzt nicht nur einen Klassiker in der Garage stehen, sondern auch Zehntausende kleine erlebte Glücksmomente mit einem magischen Gegenstand, der mir am Herzen liegt. Nun bin ich quasi so was wie ein Auto-Romantiker. Bei anderen ist es vielleicht der Designersessel statt der Sofa-Südkurve vom Möbelkaufhaus. Oder das eine paar Louboutins statt Regale voller Mittelmaß-Schuhe.

Der springende Punkt ist, dass Minimalismus nach Bruchwitz nichts mit Verzicht zu tun hat, sondern mit Bereicherung.

Andrea Bruchwitz beschreibt in wunderschönen, klaren Worten, wie man zu einem nachhaltigen Kleidungsstil zurückfinden kann. Es muss vielleicht nicht für jeden die im Buch beschriebene CHANEL Handtasche sein, die mehrere Besitzerinnen und etliche Modegenerationen schadlos überdauert und alle anderen Taschen überflüssig macht. Es geht vielmehr um die Kunst, hinter den Dingen den Wert zu sehen, und nicht nur den Preis.

Nun sind wir alle immer darauf ausgerichtet, mehr zu wollen. Mehr Gehalt, mehr Platz, mehr xy fürs Geld. Bis dann der Punkt kommt, wo wir merken, dass mit dem Mehr an Gehalt auch das Mehr an Stress unvermeidbar war. Oder mit dem Mehr an Grillwurst auch das Mehr an Qualen in der Massentierhaltung.

Das Mehr an Magie oder Glück stellt sich durch die bloße Anhäufung von Sachen leider eher selten ein.

Im Gegenteil, die Dinge fangen an einen zu fordern. Besitz belastet, hat Buddha mal gesagt. Morgens vor dem Kleiderschrank beneide ich fast Marc Zuckerberg, der sich die Frage “Was soll ich bloß anziehen?“ schlicht nicht stellt, weil er immer die gleichen Sachen anzieht. Eine Entscheidung weniger = ein paar Zentimeter mehr im Kopf frei für wichtige Dinge. Und keinem ist aufgefallen, dass man eben so aussieht, wie man immer aussieht. Nur nicht so gestresst.

Ja, Andrea Bruchwitz räumt auch den Kleiderschrank auf. Das Buch macht aber auch vor Freundschaften oder der Selbstreflexion im Job nicht Halt. Ich musste beim Lesen des Teils, der Beziehungen beleuchtet, an den scherzhaften Artikel des Postillons denken, dass Aufräum- und Netflix-Ikone Marie Kondo empfiehlt, für ein glückliches Leben maximal drei Familienmitglieder zu behalten. Mir fallen auf Anhieb mehrere Freunde ein, bei denen das eine verdammt gute Idee wäre.

Perlen statt Plunder gibt viele gute Denkanstöße und ganz konkrete Tipps zur Umsetzung des eigenen ästhetischen Minimalismus. Fakt ist, dass ich nach dem Lesen erst mal die halbe Bude auf den Kopf gestellt habe. Fakt ist auch, dass ich wahrscheinlich noch ein paar mehr Bücher zum Thema Minimalismus lesen muss, um wenigstens ein Mini-Minimalist zu werden. Das ist dann ein bisschen so wie Fast-Veganer, aber ein Anfang. Die wichtigsten Aha-Erlebnisse, die ich beim Lesen hatte:

Wir kaufen Dinge – und beschäftigen uns dann nicht mit ihnen.

Was mir in letzter Zeit sehr deutlich aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass ich mich eigentlich mit den meisten Dingen, die ich kaufe, gar nicht richtig beschäftige. Ich denke „passt schon“ bei Klamotten, bevor ich richtig mit den Fingern über den Stoff gefahren bin – geschweige denn überlegt habe, ob ich das Teil in zwei Jahren noch anziehen kann oder will. Wir bestellen Spiele für die Familie, die nach ein mal Spielen in der Schublade landen und vergessen werden. Ich habe geschätzt 15 Weingläser im Schrank, lade aber kaum Freunde ein, weil wir alle so viele Termine haben. Die Dinge haben nicht nur ihren Wert, sondern ihre Magie verloren. Ich habe mir fest vorgenommen, das zu ändern.

Wir kaufen zu viel und tauschen zu wenig.

Ich hab total viele Sachen, die ich nicht brauche. Und total viele Freunde, die ich nicht oft genug sehe. Vielleicht sollte ich beide zusammenbringen. Mal wieder Freunde in regelmäßigen Abständen einladen und ihnen sagen, dass sie ebenfalls die Sachen mitbringen, die sie nicht mehr brauchen. Bücher, Klamotten, Kinderspielzeug und alles andere, was traurig zu Hause in den Regalen rumliegt und dringend mal wieder unter Leute müsste. Dann kann man sich schöne Geschichten zu den Sachen erzählen und sie tauschen oder verschenken. Klamotten werden wieder auf Hochzeitsfeiern, Partys und Bühnen getragen, und Bücher gehen dorthin, wo sie hingehören: auf die Reise.

Perlen statt Plunder ist ein inspirierendes Buch, das keine Vorschriften macht.

Nimm dir die Kapitel heraus, die zu dir passen. Lass die anderen links liegen. Oder arbeite sie alle der Reihe nach durch und nutze dabei die vielen Notizfelder im Buch. Dann trag, wenn du magst, deinen Haus-, Job-, Familien-, Küchen- und Seelenplunder in großen Säcken aus der Bude und genieße, dass die Sonne jetzt wieder in alle Ritzen deines Daseins scheinen kann.

Titel: Perlen statt Plunder.
Mehr Lebensqualität durch ästhetischen Minimalismus
Autorin: Andrea Bruchwitz
Taschenbuch: 138 Seiten
Verlag: Independently published (22. Februar 2018)

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