Bücher, Krimis
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Faszination des Fiesen.

Blood Orange, Harriet Tyce

Ich stehe in einem Pub irgendwo in London, und neben mir säuft sich eine Businessfrau gerade ihre Würde weg. Ihr Lidstrich ist verschmiert, ihr Rock unanständig hochgerutscht und ihre Sinne sind so vollkommen benebelt, dass sie wahrscheinlich gleich Sex auf dem Klo haben wird.

Stop, nein, ich sitze zu Hause am Esstisch und schreibe beim Kaffee diesen Text. Aber so ungefähr fühlt es sich an, Blood Orange von Harriet Tyce zu lesen. Die oben erwähnte Frau könnte die Anwältin Alison Price sein, die im Roman gerade ihren ersten Mordfall bearbeitet.

Wie immer stürzt sie sich in ihren Job und lässt dabei ein paar persönliche Angelegenheiten grob fahrlässig aus dem Ruder laufen. Beispielsweise ihre Rolle als Ehefrau und Mutter, die sie fortwährend mit Alkohol, impulsiven Exzessen und einem Verhältnis mit ihrem kaltherzigen Arbeitskollegen sabotiert. Ihr dabei zuzusehen, tut ein bisschen weh. Aber es ist auch zu spannend, um den Krimi wegzulegen.

Sauber gestrickte Demontage.

Da die Autorin selbst rund zehn Jahre Prozessanwältin war, bringt der Mordfall die nötige Vielschichtigkeit mit, um spannend zu bleiben: Mandantin Madeleine hat offensichtlich ihren Ehemann erstochen, zieht sich aber trotz Schuldbekenntnis in ein Schneckenhaus aus vagen Aussagen zurück. Nach und nach setzen sich die wenigen Bruchstücke, die Alison ihr entlocken kann, zu einem Szenario häuslicher Gewalt und Demütigung zusammen – bis plötzlich die ersten Ungereimtheiten auftauchen.

Beides, Mordfall und Privatleben, spitzen sich im Verlauf der Story immer mehr zu, was dem Buch echtes Suchtpotential verleiht. Nur, dass ich ganz oft beim Lesen förmlich nicht hingucken wollte, weil ich mit jeder Seite in einen Sog aus Fremdschämen, schäbigem Verhalten und Angst reingerate.  

Top Futter für niedere Lese-Instinkte.

Ich persönlich war gefesselt bis zum Ende. Aber die Faszination war eher eine, für die auch ein Artikel in der Regenbogenpresse gereicht hätte: Man will wissen, welchem B-Promi gerade sein Leben entgleitet, und dann nicht mehr darüber nachdenken. Dazu kommt, dass ich kein Freund von subtil grausamer Gewalt bin, gerade zum Ende hin war mir dann doch vieles zu krass. Wer aber den Anspruch hat, zwischendurch mal einen ordentlich gestrickten, nicht unbedingt tiefsinnigen Krimi mit vielen Wendungen zu lesen, wird das Buch vermutlich verschlingen.

Harriet Tyce ist in Edinburgh aufgewachsen, lebt in London und promoviert an der University of East Angelia in Creative Writing.

Titel: Blood Orange
Autor: Harriet Tyce
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Diana Verlag
Auflage: 14. Oktober 2019

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