Autor: Nina

Insta

Instagram. Von Liebe und Zeit.

Seit ich den Blog hab, lese ich seltener Bücher. Zugegeben, eine ganze Menge meiner Zeit geht für Instagram drauf, und manchmal ärgere ich mich darüber. Nicht zuletzt, weil Insta mir vor Augen führt, was ich alles nicht kann. Fotos machen zum Beispiel. Ehrlich gesagt bewegen sich meine Skills im Fotografieren ungefähr auf dem Level meiner Kochkünste: Mit viel Konzentration krieg ich eine anständige Bolognese hin. Fotos für Instagram zu machen ist demnach für mich, als würde ich permanent Menschen zu mir nach Hause zum Essen einladen und sie bitten, Likes zu hinterlassen. Alle sind voll nett, und man wird nie erfahren, warum einige nie wiederkommen. Oh Gott, die haben sich bestimmt den ganzen Abend gelangweilt, und außerdem hatten die gestern schon Italienisch. Und schon sitzt man geknickt in der Sofaecke rum und stellt die komplette Zeit, die man davor in der Küche gestanden hat, ordentlich in Frage.  Klar geht es bei einem Buchblog in erster Linie um Inhalte, aber ich freu mich ja selbst, wenn mein Feed schön aussieht und was hermacht. Zwischendurch, aus purem …

Die Schneiderin und der Wind, César Aira

Stürmische Geschichte!

Oha, denke ich am Anfang, ein Vorwort. Ich hasse Vorworte. Vorworte sind sozusagen der Sonntagsbrunch unter den Bucheinstiegen: Man steht wortlos mit seinem schalen Prosecco in der Ecke rum, hört der belanglosen Konversation anderer Mitvierziger zu und fragt sich, wann die Party eigentlich losgeht. Ab Seite zwanzig merke ich, dass das Vorwort gar kein Vorwort war, sondern dass ich schon mittendrin bin in einer wahrhaft irren literarischen Verfolgungsjagd. DIE SCHNEIDERIN UND DER WIND von César Aira ist ein auf unter 150 Seiten komprimiertes Werk, das sich liest, als würde man jemandem beim freien Assoziieren zuhören. Größtenteils macht das auch richtig Bock, auch wenn ich des Öfteren schlicht den Faden verliere. Zusammenfassend geht es um eine Schneiderin ohne Geschmack, aber mit viel Sinn fürs Detail, welche die Verfolgung ihres verschwundenen Sohnes aufnimmt, den sie in Patagonien wähnt. Im Gepäck hat sie ein widerspenstiges Brautkleid, und auf dem Weg lernt sie einen Wirbelwind kennen, der ihr bald darauf seine Liebe gesteht.  Mehr zur Handlung zu sagen ist schwierig bis unmöglich. Denn sie ist quasi nur eine Skizze …

Palm Beach, Finland, Antti Tuomainen

Coole Strandlektüre.

Leute, ich hab mir ja Finnland immer dunkel vorgestellt. Dunkle Bäume, dunkles Wasser und in der Weite ein paar dunkle Seelen, die in karierten Flanellhemden mit Fellmützen und trotzigen Gesichtern sehr starken Alkohol trinken. Letztes Jahr im Sommer sind mir in Helsinki dann zwei Dinge klargeworden. 1. Dass ich selten mit irgendetwas so dermaßen falsch gelegen habe. 2. Dass Helsinki so ziemlich das hellste und wunderbarste Fleckchen Erde und Wasser ist, das es gibt. Eigentlich will ich dort tausend Jahre lang in einem Boot sitzen, von einer Insel zur anderen fahren und zwischendurch Lachssuppe am Hafen essen.  Aber vorher sag ich vielleicht noch kurz was zu Antti Tuomainens Roman: Der Investor Jorma Leivo hat eine Schwäche für Baywatch, Miami Vice und alles andere, was mit halbseidenen Sachen und knappen Badeanzügen zu tun hat. Daher tauft er das neu erworbene finnische Kähärä-Urlaubsressort auch kurzerhand in PALM BEACH, FINLAND um. Neonfarben, Plastikpalmen und Surfbretter tun ihr Übriges, und wen kümmert da schon das kleine Detail, dass es am „hottest beach in Finland“ eher konstant kühl bleibt?  Leivo …

Verrücktes Roadmovie.

Die sechzigjährige Susan Frobisher und ihr Mann Barry führen ein angenehm langweiliges Spießerdasein in einem kleinen Kaff in Südengland – denkt zumindest Susan, bis Buchhalter Barry tot aufgefunden wird und ihr ganzes Leben zusammenklappt wie ein Kartenhaus in einer billigen Spielhölle.

Sanguineus, Ina Linger

Vampirromane. Eine Kampfschrift.

Seit schätzungsweise hundert Jahren steh ich auf Vampirromane. Wenn ich so darüber nachdenke – und ich denke in der Tat zum ersten Mal darüber nach – dann ist es wahrscheinlich die Kunst, ein- und dieselbe Geschichte immer wieder anders zu erzählen, die mich so fasziniert. Außerdem kommt das Böse oft wahnsinnig charmant rüber und das Gute furchtbar öde. Verkehrte Fledermauswelt eben. Großartig.

Serotonin, Michel Houellebecq

Leider geil!

Ich glaube Hemingway soll mal gesagt haben, dass er die Welt nicht in gute und schlechte Menschen unterteile, sondern in interessante und uninteressante. Houellebecq ist zweifelsohne einer von den interessanten. Im Zusammenhang mit seinem Roman SEROTONIN wird er sowohl als moderner Prophet gefeiert, als auch als totaler Prolet beschimpft. Ich gehöre zu den Feiernden, denn der Roman fängt derart prägnant den Zustand der ganzen Welt in einem einzigen Menschen ein, dass man sich noch Wochen später fragt, was man da eigentlich Geiles gelesen hat. Die Geschichte ist die des 46-jährigen Florent-Claude Labrouste, der sich entscheidet, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil alle Gelegenheiten, dasselbe noch einmal herumzureißen, längst verstrichen sind. Ein Arzt, den ich hier mal locker als unkonventionell bezeichnen würde, verschreibt ihm das Antidepressivum Captorix, das zwar jegliches Sexleben komplett ausschaltet, aber dafür sorgt, dass der Patient zumindest am Leben bleibt. Leider liefert die Droge das „Wofür eigentlich?“ nicht auf dem Beipackzettel mit. „… und da war ich nun, ein abendländischer Mann in mittleren Jahren, der finanziell für einige Jahre vorgesorgt hatte, ohne …

Kevin Kwan, Crazy Rich Asians

Soap der Superreichen.

Aschenputtel mal auf Asiatisch: Die studierte Wirtschaftsexpertin Rachel Chu und der Geschichtsdozent Nicholas Young führen seit zwei Jahren ein glückliches Leben in New York, als Nick vorschlägt, gemeinsam zur Hochzeit seines besten Freundes nach Singapur zu reisen und Rachel bei dieser Gelegenheit auch gleich seiner Familie vorzustellen.

Simon Beckett, Die ewigen Toten

Becketts sechster Streich.

In einem stillgelegten Krankenhaus im Norden Londons wird kurz vor dem Abriss die mumifizierte Leiche einer jungen Frau gefunden. Dies ruft den Forensiker David Hunter auf den Plan, der sich nicht nur mit der eigenen Vergangenheit, sondern auch mit beruflichen Grabenkämpfen und einem Tatort herumschlagen muss, der immer wieder böse Überraschungen bereithält.

Slow, Brooke Mc Alary

Entdeckung der Langsamkeit.

Ich sag mal so: Wir alle neigen dazu, stets mehr vom Gleichen zu tun und die Dinge einfach anzuhäufen. Vollkommen egal, ob Klamotten oder Alltagstätigkeiten. Auch, wenn es oft gar keinen Sinn macht: Wenn ein es ein Haufen ist, fühlt es sich erst mal gut an. Das Blöde an Haufen ist lediglich, dass die wichtigen Dinge oft ganz unten liegen. Darüber hinaus neigen Haufen oft dazu, unaufmerksame Besitzer unter sich zu begraben.

Notizbücher, Suhrkamp

Notizbücher können Leben retten.

Vor Jahren hat mich mal jemand gefragt, welches Buch ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. „Ein Notizbuch“, habe ich gesagt. Denn bevor ich in Ermangelung einer Alternative immer das gleiche gewellte und meergesalzene Buch gegen die Sonne hielte, würde ich wohl eher ein eigenes schreiben. Außerdem machen Notizbücher verdammt gute Laune, weil sie der Anfang von allem sind. Und ausgesetzt auf einer einsamen Insel hat man früher oder später bestimmt ein klares Gute-Laune-Defizit. Mit einem Notizbuch hingegen ist man direkt viel aufgeräumter.  Voller Tatendrang. Wohlorganisiert. Elaboriert. Man gehört gewissermaßen zu den Klugen unter den Alltags-Schiffbrüchigen. Zu denen, die kapiert haben, was wichtig ist. Jene, deren Gedanken auch Schwarz auf Weiß noch einen Sinn ergeben. Natürlich ist das nichts für jeden, aber Chanel N° 5 ja schließlich auch nicht.  Notizbücher und Chanel N° 5 haben gemeinsam, dass sie einen mit diesem leichten Hauch von purer Perfektion umgeben.  Zumindest bis ich mich das erste Mal verschreibe. Das ist dann der Punkt, an dem mir auffällt, dass ich dringend mal meine krakelige Handschrift überdenken sollte. Und plötzlich ist das Leben …