Autor: Nina

Zerbrechliche Dinge, Neil Gaiman

Fantasy mit Format.

Wer das Unerwartete mag, wird diese Kurzgeschichten lieben: Neil Gaiman, Meister des Fantasyromans, setzt alle Regeln dieser Welt in schwarzhumorigen, skurrilen Geschichten außer Kraft. Lesetipp für alle, die kein Gesamtkunstwerk, sondern ein spaßiges, auch mal beklemmendes Sammelsurium erwarten.

Blood Orange, Harriet Tyce

Faszination des Fiesen.

Ich stehe in einem Pub irgendwo in London, und neben mir säuft sich eine Businessfrau gerade ihre Würde weg. Ihr Lidstrich ist verschmiert, ihr Rock unanständig hochgerutscht und ihre Sinne sind so vollkommen benebelt, dass sie wahrscheinlich gleich Sex auf dem Klo haben wird. Stop, nein, ich sitze zu Hause am Esstisch und schreibe beim Kaffee diesen Text. Aber so ungefähr fühlt es sich an, BLOOD ORANGE von Harriet Tyce zu lesen. Die oben erwähnte Frau könnte die Anwältin Alison Price sein, die im Roman gerade ihren ersten Mordfall bearbeitet. Wie immer stürzt sie sich in ihren Job und lässt dabei ein paar persönliche Angelegenheiten grob fahrlässig aus dem Ruder laufen. Beispielsweise ihre Rolle als Ehefrau und Mutter, die sie fortwährend mit Alkohol, impulsiven Exzessen und einem Verhältnis mit ihrem kaltherzigen Arbeitskollegen sabotiert. Ihr dabei zuzusehen, tut ein bisschen weh. Aber es ist auch zu spannend, um den Krimi wegzulegen. Sauber gestrickte Demontage. Da die Autorin selbst rund zehn Jahre Prozessanwältin war, bringt der Mordfall die nötige Vielschichtigkeit mit, um spannend zu bleiben: Mandantin Madeleine …

Letzte Rettung: Paris, Patrick deWitt

C’est la fucking vie.

Letztens war ich in New York, nur um dort festzustellen, dass ich eher der Paris-Typ bin. Mehr Charme. Weniger Banalitäten. Bessere Croissants. Im Roman Letzte Rettung: Paris von Patrick deWitt sind es zwei New Yorker, die nicht ganz freiwillig in die Stadt der Liebe aufbrechen, aber dort so wunderbar hinpassen wie die Mona Lisa ins Louvre: Frances und Malcom Price sind das wohl unterhaltsamste, verzogenste Mutter-Sohn-Duo in New York. Frances, Freigeist in Haute Couture und bissige Konversationspartnerin seit Kindertagen, führt ein Leben im totalen Luxus. Ihre legendäre Schönheit und ein paar Skandale haben sie zu der Art von Stil-Ikone gemacht, die auf keiner wirklich exklusiven Party fehlen darf. Der letzte Skandal war wohl der, ihren unanständig reichen Ehemann nach Tod durch Herzversagen im ehelichen Bett erkalten zu lassen und einfach in ein Luxus-Skiwochenende aufzubrechen. Frances‘ erwachsener Sohn Malcom, ein verschrobener Internatsschnösel ohne Antrieb, leistet seiner Mutter seitdem Gesellschaft – und natürlich der Kater Kleiner Frank, der laut Frances die Reinkarnation ihres toten Ehemannes ist. Leider muss sich das Duo, das das Leben bislang als ewige …

Fantastische Freundschaft.

Als Kind wollte ich immer einen eigenen Drachen haben. Seit ich Melvin aus Die Geheimnisse von Oaks End kenne, fände ich ein Monster allerdings fast noch besser, auch wenn dieses hier noch am Anfang seiner Monsterausbildung steht: Melvin Theophilus Montgomery ist ein ziemlich cooler und irgendwie kuscheliger Vertreter seiner Art, und der zehnjährige Robin hat das Glück, ihn neuerdings zum besten Freund und Schutzmonster zu haben. Seit Robin den quirligen Melvin aus Versehen beim alten Druidenstein in Oaks End gerufen hat, wird er nicht mehr von seinen Mitschülern gehänselt (denen dann nämlich komische Dinge passieren). Und überhaupt ist das Leben im Haus des mürrischen Großvaters Rufus jetzt nicht mehr so eintönig und farblos, sondern lustig und aufregend.  Robin und Melvin entdecken in dieser ersten Geschichte Die Monsterprüfung gemeinsam allerlei Dinge, die Robin nie für möglich gehalten hätte. Allerdings warten nicht nur freundliche Wesen darauf, in Oaks End von der Monster- in die Menschenwelt zu gelangen, und im kleinen Städtchen ist auch nicht jeder, was er vorgibt zu sein. Gut, wenn man einen Hatchpatch zur Hand …

West, Carys Davies

Wahre, wilde Größe.

Manche Geschichten haben eine ganz eigene Kraft. WEST ist eine von ihnen. Denn das Romandebüt von Carys Davies zieht den Leser in seinen Bann wie ein reißender Fluss: In kurzen Sätzen und opulenten Bildern führt das Buch in einen unbekannten Wilden Westen und bleibt bis zur letzten Seite unvorhersehbar. Ich habe den Roman förmlich verschlungen. Mit „umwerfend“ (The Guardian), „ein Kleinod“ (The Toronto Star) und „Bravo“ (Deutschlandfunk) überschlagen sich die Kritiken. Verständlich, finde ich.  Pennsylvania im Jahr 1815. Als der einfache Maultierzüchter John Cyrus Bellman in der Zeitung die Nachricht einer unglaublichen Entdeckung liest, lässt ihm dies keine Ruhe mehr. Er packt zwei Gewehre, eine Decke und ein paar Bündel und macht sich zu Pferde in Richtung Rocky Mountains auf, um mit eigenen Augen zu sehen, was er gelesen hat. Dabei lässt der Witwer nicht nur seine Farm und das Land zurück, das er sich als Siedler zu eigen gemacht hat. Sondern er gibt auch seine Tochter Bess in die Obhut seiner lieblosen Schwester Julie. So beginnt der nur 204 Seiten lange Roman: mit einem …

Lieblingsbücher, eine Auswahl

Die Lieblingsbuch-Lüge.

Letztens vor hundert Jahren haben mein Kollege Jens und ich nach Ewigkeiten im gleichen Büro festgestellt, dass wir das gleiche Lieblingsbuch haben. Seitdem sind wir in meinem Herzen quasi im gleichen Club, nämlich im „Straße-der-Ölsardinen-coole-Leute-Club“. Das Buch habe ich mal von meinem Vater geerbt, als der noch längst nicht gestorben war, und selbst damals fiel es schon ziemlich auseinander. Es riecht, wie ein altes Buch eben riechen muss – irgendwas zwischen nassem Hund und muffiger Bibliothekarin. Die Buchseiten sind so gelblich, als hätte ein Farbenblinder sie mit einem Insta-Retro-Filter bearbeitet. Trotzdem wird es geliebt, allein schon wegen seiner inneren Werte. Von mir. Und anscheinend ja auch von Jens und noch ein paar anderen Leuten.  Nur: Ehrlich gesagt habe ich Die Straße der Ölsardinen seit Jahren nicht mehr gelesen. Genau wie alle anderen Lieblingsbücher, die in meinem Herzen im besagten Club im Regal rumstehen. „Oh, das ist mein Lieblingsbuch“, sage ich auf einer Party/in der Kaffeeküche/in der Konzertpause/im Restaurant. Und ich meine je nach Tagesform Wassermusik/Moon over Manhattan/Fänger im Roggen oder den Kleinen Dämonenberater. Oder eben …

Washington Black, Esi Edugyan

Suche nach Freiheit.

Angst. Die ersten 80 Seiten umtreibt mich schlicht die Angst, denn Grausamkeit und Willkür bestimmen nahezu körperlich spürbar das Leben des elfjährigen Sklavenjungen WASHINGTON BLACK auf Barbados im Jahre 1830. Er ist Feldsklave auf einer Zuckerrohr-Plantage in den britischen Kolonien, wo man immer mehr afrikanische Sklaven unter härtesten Bedingungen heranschafft, um den steigenden Zuckerkonsum der reichen Oberschicht im Britischen Empire zu decken.  Die Plantagenbesitzer haben die Macht über alles und jeden auf der Insel, und nach dem Ableben des alten Masters stellt sich der neue als das personifizierte Böse heraus: Erasmus Wilde, so blass und weiß, dass er fast durchscheinend wirkt und so unglaublich grausam, dass man mit dem Schlimmsten rechnet, sobald er auf den Plan kommt. Wash, wie George Washington Black gerufen wird, ist mittendrin, nur leidlich geschützt von der mütterlichen Sklavin Big Kit. Und so überträgt sich sein Gefühl, jede Sekunde wachsam bleiben zu müssen, und wird erst allmählich erträglicher, als des Masters Bruder die Plantage besucht:  Christopher Wilde, seit Kindertagen Titch genannt, verkörpert als Entdecker und Erfinder den Freigeist eines Alexander von …