Bücher, Romane
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Kopfkino mit Marlene.

Edgar Rai, Im Licht der Zeit

Volià, die Zwanzigerjahre sind da. In den letzten Zwanzigern hätten wir jetzt das erste „Funkspiel“ im Radio angehört. Heute begleiten uns Hörbücher, Podcasts oder Hörspiele nahezu überallhin. Rund acht Millionen von uns hören täglich*, und es gibt Zeiten, da bin ich eine von ihnen.

Gerade in der letzten Woche hat mir ein Hörbuch wieder das Leben gerettet, als meine Familie stressig, krank, chaotisch und alles das war, was Familien sein können, wenn sie nicht gerade ganz entzückend sind. Das Buch sprüht vor Witz und Zeitgeschichte – vielleicht hörst du ja auch mal rein.  

IM LICHT DER ZEIT von Edgar Rai

Willkommen in den Goldenen Zwanzigern, als der Stummfilm den Heldentod stirbt und der deutsche Tonfilm geboren wird: DER BLAUE ENGEL macht das bislang als völlig talentfrei geltende Revuemädchen Marlene Dietrich über Nacht unsterblich. Der Film, in dem sie als Varietésängerin Lola Lola einen gestandenen Professor zugrunde richtet, ist heute noch Kult. Der Roman des Wahlberliners Edgar Rai ist auch als Hörbuch erste Klasse.

„Diese Beine werden es wohl noch mal weit bringen.“
(Marlenes Tante Wally im Buch)

Berlin, Mitte der Zwanzigerjahre:

In einer rauschhaft kurzen Phase zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise explodiert die pure Lebensfreude. Kurt Tucholsky und Erich Kästner, Hans Albers und Hotel Adlon, Tanzlokale und Varietés – Berlin sprüht vor Ideen und schwingt sich neben London und New York zu echtem Weltformat auf. Frauen rauchen erstmals in der Öffentlichkeit, Wohnungen und Moral werden knapp, die Kunst macht sich obenrum frei, und die Elite ersetzt ihre Droschken durch Daimlers.

Auch die Filmkunst soll lauter werden: 1927 setzt METROPOLIS zwar neue Stummfilm-Maßstäbe, krepiert aber an den deutschen Kinokassen. Zeitgleich produziert Hollywood den ersten Tonfilm. Das kann der Industrielle, Nazi-Unterstützer und UFA-Chef Alfred Hugenberg nicht auf sich sitzen lassen. Er verpflichtet den Produzenten Erich Pommer und holt den ersten und einzigen deutschen Oscar-Preisträger Emil Jannings aus Amerika zurück, damit dieser den Helden gibt. Drehbuchautor und Alleskönner Karl Vollmoeller soll sich um alles Weitere kümmern, während die angeschlagene UFA in Babelsberg ein Tonfilmstudio aus dem Boden stemmt, das weltweit seinesgleichen sucht.

Auch Vollmoeller will dem deutschen Film ein Denkmal setzen, hat aber eher einen Antihelden im Sinn. Er schafft das Unmögliche und leiert Heinrich Mann die bislang unverkäuflichen Filmrechte zu Professor Unrat aus den Rippen. Jetzt gilt es nur noch, den Geldgeber umzustimmen und zwischen einem streitlustigen Regisseur und einem selbstverliebten Hauptdarsteller zu vermitteln. Außerdem muss eine adäquat verruchte Hauptdarstellerin her: Während die UFA Pläne schmiedet, verfolgen wir eine naiv schamlose Marlene, die anfangs noch mit Geigenkasten unterm Arm den Stummfilmstar Henny Porten anhimmelt, bis sie selbst zum gefragten, aber „unfilmbaren“ Revuestar und dann zum Teil einer famosen Filmgeschichte wird.

Grandioses Schauspiel zwischen Zeitgeschichte und Fiktion.

Originale Berliner Zeitungsausschnitte, schillernde Persönlichkeiten, hitzige Dialoge und die gruselige Unterwanderung der Filmbranche durch die Nationalsozialisten – das alles macht das Buch zum rasanten Geniestreich, bei dem man nicht so genau zu sagen vermag, wo die geschichtlichen Fakten enden und die Phantasie beginnt. Als Hörbuch auch wegen der Schauspielerin und tollen Sprecherin Tessa Mittelstaedt, die man aus dem Tatort kennt, eine echte Entdeckung. Unbedingt reinhören!

Edgar Rai arbeitete als Drehbuchautor, Basketballtrainer, Chorleiter, Handwerker und Onlineredakteur, bevor er Schriftsteller wurde. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Wer mehr zu den Goldenen Zwanzigern hören möchte, interessiert sich vielleicht für Die Juten Sitten, ein Hörspiel der Autorin Ana Baseler, die ich total klasse finde.

*Quelle: Audible Hörbuchkompass

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